Mittwoch, 7. April 2010

Hometown Birthday


2.4.2010, 11:14 Uhr: Der Tag danach. Ich hab nicht viel getrunken und doch dröhnt mein Kopf als wolle er mir das Gegenteil beweisen. Seitdem ich die Zwanziger überschritten habe, hab ich das Gefühl zum echten Weichei mutiert zu sein – zumindest was das Trinken angeht. Wenigstens weiß ich noch alles von letzter Nacht. Nach einer kalten Dusche und dem besten Frühstück der Welt – Nougat Bits und Schokochips in eiskalter Vollmilch – setze ich mich an mein Notebook und fange an zu schreiben.

03:33 Uhr: Als wir am Haus meiner Eltern ankommen, versuche ich vergeblich wieder ein bisschen Ruhe reinzubringen. Marius steigt aus, um mich herauszulassen und Jill betont zum Abschied noch, dass ich allein mit den Gesprächsthemen während der Rückfahrt jetzt ja eigentlich wieder genug Stoff für einen Blogeintrag zusammen hätte. Ich steige aus und Dennis ruft vom Beifahrersitz: „Hey Benne!“ Ich dreh mich noch mal zum Auto um. „Halt die Ohren steif…“

Ich vervollständige seinen Abschiedsgruß: „…und den Pimmel auch!“

03:14 Uhr: „Ich muss euch mal was fragen!“ Im Auto wird es ruhig. „Ne, jetzt mal im Ernst. Wichtige Sache. Da hab ich mich letztens mit Chris drüber unterhalten und wir haben uns richtig gestritten deswegen…“ Jetzt wird’s interessant denke ich und warte ab, bis Dennis schließlich wieder ansetzt um seine Frage zu formulieren: „Also, wenn Ihr wählen könntet was Ihr wärt, was würdet Ihr nehmen: Vampir oder Werwolf? Und ich meine jetzt nicht so ne Twilight-Scheiße!“

Obwohl ich mir das Lachen echt verkneifen muss, erkläre ich ihm, dass ich auf jeden Fall den Werwolf nehmen würde. „Ich mein, einmal im Monat ist Vollmond. Dann läufst du halt draußen rum und lässt die Sau raus. Naja und den Rest des Monats lebst du ganz normal dein Leben…“ Jubelnd stimmt Dennis mir zu. Jill hingegen lässt verlauten, dass sie eher auf der Vampir-Seite ist, wird aber sofort von Dennis’ scheinbar einzigem, aber zugleich niederschmetterndem Argument entwaffnet: „Und was machst du, wenn du mal mit deinen Freunden grillen willst? Kannste nicht! Musst ja im Dunkeln bleiben!“

03:05 Uhr: Wir haben es endlich ins Auto geschafft – jedenfalls fast. Dennis irrt noch immer vor der Kajüte rum und flucht, weil Martin und Chris nicht mit zurück fahren. Martin kommt nicht, weil er irgendeine alte Flamme getroffen hat und nun versucht erneut bei ihr zu landen. Und Chris kommt nicht mit, weil er Martin dabei scheinbar tatkräftig unterstützen will.

Als Dennis schließlich auf das Auto zugeschwankt kommt, ruft er gerade irgendwas von schlaffen Penissen und dass da heute sowieso nichts läuft und überhaupt und achegal. Marius dreht sich zu uns um und sagt: „Wartet ab. So wie ich ihn kenne, will er jetzt noch zu irgendeiner Fressbude.“ In diesem Moment reißt Dennis die Fahrertür auf und teilt uns unmissverständlich mit, dass er noch Burger-King-Gutscheine hat und deswegen eine Runde Cheeseburger bei McDonalds ausgibt.

Marius gibt sich gelassen. „Alles klar, machen wir! Steig ein!“ Die Fahrertür schließt sich wieder, Marius dreht sich zu uns um und lacht: „Als ob ich jetzt noch irgendwo hinfahren würde.“ Dann geht die Beifahrertür auf und während Dennis einsteigt heißt es: „Ey, ich hab ganz vergessen, dass ich gar keine Knete mehr hab… Bei Mäcces müsst ihr dann wohl bezahlen…“

02:17 Uhr: Ich stehe an der Kasse und will bezahlen, als ich höre wie Dennis grade irgendwen verabschiedet. „OKAY, HALT DIE OHREN STEIF ALTER! UND DEN PIMMEL AUCH!“. Klassischer Moment, in dem ich mir wünsche, dass die Musik ausgeht, damit diese Worte in der ganzen Cocktailbar nachhallen können. Herrlich.

Nachdem wir uns von allen verabschiedet haben, machen auch wir uns auf den Weg zum Ausgang, als Martin plötzlich bei irgendeinem Mädchen stehen bleibt, uns mitteilt, dass er in zwei Minuten nachkommt und wir doch schon mal rausgehen sollen. Wird wohl nicht lange dauern…

00:11 Uhr: Jill: „Wann schreibst du mal wieder nen neuen Blog-Eintrag?“
Ich: „Naja, wenn es sich ergibt… wenn nicht viel passiert, kann ich ja auch nicht viel schreiben…“

1.4.2010, 10:32 Uhr: Der erste April. Maxis Geburtstag. Nach zwei Weizenbier mit meinen Eltern und einem netten Gespräch mit meiner Mama darüber, dass ich mich Ende April wieder tätowieren lasse – was sie zuerst für einen schlechten Aprilscherz hält – setzt mich mein Bruder ins Auto und fährt mich zur Kajüte, der so ziemlich einzigen Cocktailbar in der Nähe von Herzfeld…

Sonntag, 14. März 2010

Changing Trains



Als der Fahrkartenkontrolleur auf mich zukommt schaue ich zunächst dezent auf die Uhr. Nicht wegen der Uhrzeit, sondern wegen des Datums. Es ist bereits Anfang März (der neunte, heute hat mein kleiner Bruder Geburtstag!) und ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich zuletzt kontrolliert wurde. In diesem Jahr jedenfalls noch nicht… Dezember? Nicht, dass ich wüsste! November? Nein, muss länger hergewesen sein! August? Ja, August kommt hin! Bin mir ziemlich sicher, dass ich eine kurze Hose trug…

Er steckt mein Ticket in die Laserknarre (Ich find ja, dass das Ding echt aussieht wie eine Laserkanone. Vielleicht sogar Phaser, aber dafür hab ich Star Trek zu selten geschaut. Vielleicht arbeitet die DB ja an einer Methode, Schwarzfahrer direkt zu beseitigen…), während ich Ihn dabei beobachte. Er hat einen ziemlich dicken Schnäuzer (Popelbremse, alternativ auch Schenkelbesen) und glatt gegelte graue Haare unter der roten DB-Mütze.

Plötzlich schießt es aus mir heraus:

„Sie waren wohl im Winterschlaf, oder?“
„Bitte?!“
„Naja, ich frag ja nur. Ich wurd seit Ewigkeiten nicht mehr kontrolliert und da wollte ich nur mal wissen, ob es nicht vielleicht sein könnte, dass Sie sich im Winter mit Ihren Kollegen von der KVB ein kleines Nest bauen und es sich dort schön gemütlich einrichten. Ist ja gar nicht böse gemeint oder so…“

Irgendwie scheint er mich das nicht zu glauben…

„Nicht böse gemeint?! Sie sollten wissen, dass es oft nicht allzu gesund ist, zu sagen was man denkt!“

Ich versuche, seine Aussage richtig zu deuten. Glaube er versucht mir zu drohen. Niemand – zur Verdeutlichung gerne wiederholt - Niemand wirkt bedrohlich in der stets zu großen DB-Jacke und dem lustigen roten Mützchen.

Kurz überlege ich, ob ich ihm das auch so sagen sollte, beschließe dann aber, lieber auf seine Aussage einzugehen.

„Naja, um ehrlich zu sein tu ich das wirklich so gut wie nie. Ich sage selten was ich denke. Und das ist wirklich schade, weil ich ein sehr neugieriger Mensch bin, wissen Sie? Wollen Sie ein Beispiel?“

Er möchte mir sagen, dass er natürlich kein Beispiel will, aber ich falle ihm ins Wort.

„Wenn ich zum Beispiel ein fettes Pärchen sehe - kein dickes oder pummeliges Pausbäckchen-Duo, sondern ein zentnerschweres, rollendes Steakvernichter-Gespann – dann fällt es mir wirklich schwer still zu bleiben. Dann möchte ich am liebsten aufspringen, auf sie zulaufen und versuchen, sie zu umarmen. Und nachdem ich beiden dann freudig erregt mitgeteilt habe wie klasse ich das finde, dass sie das machen, dass sie sich so akzeptieren wie sie sind - mit all ihren Makeln - dann frage ich sie, wie sie das machen. So rein physisch. Sie wissen schon, im Bett und so.“

Er schaut mich angewidert an.
„Ach ich bitte Sie. Als ob Sie das noch nie wissen wollten.“

Jetzt schaut er ein wenig verschämt zu Boden.

„Na bitte. Also mich interessiert das schon. Nicht nur das „wie?“ sondern auch das „was?“ und wie flexibel man ist und so weiter und so fort…“

„Und ob das nicht gefährlich ist, das wollte ich immer schon mal wissen!“, brüllt der Schaffner plötzlich. „Das wollte ich immer schon mal wissen! Da kann man sich doch sicher was quetschen, oder brechen oder zumindest prellen!“

Er setzt sich zu mir und nachdem wir noch ein wenig über fette Menschen beim Sex geredet haben, frage ich ihn schließlich, ob man mit dem Kontrolliergerät auch Leute erschießen kann. Er lacht.

„Nein, aber das ist ein super Flaschenöffner!“

Dann holt er zwei Flaschen Früh-Kölsch aus seinem Rucksack, öffnet sie mit der Laserknarre und wir stoßen an.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Confessions of a long Youth | Pt. 1



Weil ich gerade erst 17 geworden bin und mein Führerschein somit noch ein Jahr auf sich warten lässt, bin ich bei den Fahrten von Herzfeld nach Lippborg zum Proberaum auf Artur und seinen Führerschein angewiesen. Ich weiß nicht mehr warum, aber an diesem späten Dienstagnachmittag, irgendwann im Sommer 2006, kann Artur nicht zur Probe kommen. Für mich heißt es also Fahrrad oder per Anhalter fahren. Und da es draußen herrlich warm ist und es von Herzfeld nach Lippborg nur ein paar Kilometer sind, fällt mir die Wahl nicht schwer.

Um halb fünf stehe ich also – Gitarre in der linken, Daumen raus an der rechten Hand – an der Hauptstraße und warte darauf, mitgenommen zu werden. Als ich eine halbe Stunde später (Ist nicht so schnell wie es sich anhört, wenn man bedenkt, dass man eigentlich nur die Hälfte der Zeit bräuchte. Aber manchmal ist das halt so beim trampen, man braucht länger fürs Warten als für die Fahrt an sich) im Proberaum ankomme, sind Andi und Aaron bereits da und schauen ungeduldig auf die Uhr. Ich bin froh, dass wir – anders als bei den Paper Queens – keine Regelung fürs Zuspätkommen haben. Probe Minute eine Liegestütze…

Nach der Probe geht’s zu Andi, eigentlich das damals übliche Sommerprogramm. Jeder einen Sitzsack, gemütlich gedämmtes Licht und dann geht der Shisha-Schlauch rum, während wir uns von Jack Johnson (alternativ auch Foo Fighters – In Your Honor CD 2) bedudeln lassen.

Aber da heute Dienstag ist, bleiben wir auf dem Weg nach oben bei der Restaurantküche hängen. Dienstags gibt es im Gasthaus Willenbrink Spare-Ribs bis zum Abwinken. Und nicht irgendwelche Spare-Ribs, nene, Andis Papa macht die besten verdammten Spare-Ribs der Welt. Wir haben Andi mal gefragt, wie sein Vater es schafft, dass sich das Fleisch so gut von den Knochen löst. Er hat uns erklärt, dass der Metzger die Schweine vor dem Schlachten einmal ordentlich verprügelt, um innen mal alles aufzulockern. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Aaron das auch heute noch glaubt…

Also bleiben wir an diesem Dienstag Abend im Sommer 2006 unten in der Wirtschaft, lassen uns königliche Spare-Ribs servieren, genießen eisgekühlten Whiskey (sogar ohne Cola) und feiern uns selbst. Man könnte fast meinen, wir seien auf dem direkten Wege in die erwachsene Ernsthaftigkeit, wenn der Abend an diesem Punkt geendet hätte.

Vielleicht waren es zu viele von den köstlichen Rippchen, wahrscheinlich war es einfach zu viel Alkohol, jedenfalls beschließen wir, noch ein wenig frische Luft zu schnappen, anstatt endlich schlafen zu gehen.

Am frühen – sehr frühen – Morgen gibt es in Lippborg nicht viel zu sehen (zu irgendeiner anderen Tageszeit eigentlich auch nicht) und so ist uns nach kurzer Zeit langweilig…

…bis wir an diesem alten Mercedes vorbeikommen. 15 Jahre hat der mindestens schon hinter sich. Es ist zu dunkel um es zu erkennen, aber ich wette er ist oliv-grün. Oder kack-braun. So wie alle alten Autos hier in der Gegend. Als hätte es damals einen großen Farb-Super-GAU gegeben, in dem alle schönen bunten Autos in farbliche Tristesse getunkt werden mussten. Aber sein Stern, so schön, wie er glitzert. Wie er strahlt, in dieser tiefschwarzen Nacht… nach einem kräftigen Ruck ist sein Glanz erloschen. Ich stecke ihn in meine Tasche…

…am nächsten Morgen bin ich wieder auf dem Weg zur Hauptstraße. Die letzte Nacht hat erinnerungstechnisch gar nicht stattgefunden und mein Kopf fühlt sich entsprechend an. Ich strecke meinen Daumen aus und muss nicht lange warten.

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Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, weshalb ich diese Geschichte beichte: Zunächst einmal – für die Klugscheißer – ist der Mercedesstern das meistbestellte Ersatzteil der Welt. Zum einen könnte man jetzt sagen, dass dann einziger gar nicht weh tut. Ich für meinen Teil fühle mich schuldig, zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben!

Der zweite Grund ist der schlimmere und auch der Grund für das frühe Ende der Geschichte: Der Wagen, der mich am nächsten Tag mitgenommen hat, war besagter Mercedes! Kein Scheiß! Die ganze Heimfahrt zu schildern, könnte eine weitere Kurzgeschichte füllen, daher mache ich es kurz:

Beim Einsteigen fühlte ich einen kleinen, metallischen Gegenstand in meiner Gesäßtasche. In diesem Moment fiel mir der gesamte vorige Abend wieder ein. Jeder einzelne Moment. Und mit welchem Genuss ich diesem Wagen seinen Anmut stahl.

Weiterhin möchte ich beichten, dass es mir Leid tut, den Fahrer auch noch auf den Verlust angesprochen zu haben, á la „Oh, ihr Stern fehlt ja.“, woraufhin er sich lauthals bei mir über diese „verdammten Drecks-Bauernkinder“ beschwert hat. Er hat mir erzählt, dass er erst vor kurzem hier hin gezogen ist, aus irgendeiner Großstadt. Dort hatte er nie Probleme mit dem Wagen, keine Stadtpunks, keine besoffenen Prolls, die seinem Wagen auch nur ein Haar krümmen wollten.

Lieber Mercedesfahrer: Es tut mir leid!

Sonntag, 31. Januar 2010

A Hard Day's Night



Als ich in die Lichtstraße einbiege bin ich bereits hundemüde. Dabei ist es gerade mal halb 10. Vor den Türen der Live Music Hall stehen bereits ein paar kleine, schwarz-gekleidete Metal-Gören und glühen vor. Mit dem bunten Löwen auf meinem Kapuzen-Pulli komm ich mir hier samstags immer ein wenig vor wie ein Tourist. Der fröhliche kleine Ben in der düsteren Welt des Metal und Hardcore. Ab 10 gehts rund. Und dann gleich zwei Stunden Freibier.

Als ich rein komme erfahre ich, dass ich heute Abend an Theke eins bin und stelle zu meiner Freude fest, dass ich mit dort mit Dan zusammen arbeite. Der ist schon da, hat bereits alles aufgebaut und begrüßt mich - gewohnt überschwänglich - mit einem „Na Alter, setzt dich gemütlich ins gemachte Nest oder wie?“

Danach kommt der für Dan und mich übliche Smalltalk:

„Wie läufts mit den Paper Queens?“

Ich erzähle ihm, dass es gut läuft, so langsam echt gute Auftritte rein kommen und dass ich mich in keiner anderen Band wohler fühlen würde:

„Und wie läufts mit Strahlemann?“

Er erzählt mir, dass es scheiße läuft, obwohl gute Auftritte rein kommen und dass er sich in jeder anderen Band wohler fühlen würde. Dann schiebt er hinterher:

„Am liebsten würde ich ja auch so Indie-Kram machen, das wär genau mein Ding.“

Später am Abend stellt er mir die Bandkollegen seiner neuen Band vor, bei der er seit kurzem Sänger ist. Sie spielen eine Mischung aus Alternative-Rock und Metal; aber er sagt, dass er sich wohl fühlt und das gönne ich ihm.

Als um 10 Uhr die Türen aufgehen, trudeln so langsam die ersten Gäste herein. Die zwei Freibier-Stunden sehen eigentlich an jedem Wochenende gleich aus: Einer zapft das Kölsch, der andere verteilt es. Um 11 kommt Lisa als Unterstützung dazu. Zwischendurch beschwert sich ein Gast, weil er ja angeblich schon seit unglaublich langen 10 Minuten auf sein Bier warten würde. Weil es uns heute Abend so gut geht, kann das unserer Laune nichts anhaben. Als er sich umdreht, zeigen wir ihm eine lange Nase, womit wir bei den übrigen Gästen anscheinend echt gut ankommen.

Um kurz nach 12 wird dann hinter der Theke immer kurz gejubelt, weil das Freibier und damit die letzte halbe Stunde Stress endlich vorbei ist. Ein paar Minuten später kommt ein junges Mädel zu mir und möchte noch ein Kölsch. Aber für umsonst natürlich. Als ich ihr sage, dass ich das nicht machen kann, weil dann ja jeder noch Freibier will - ist das jetzt erwachsen oder eher spießig? - durchläuft sie innerhalb einer Minute alle Methoden der weiblichen Bestechungsform: Erst „bitte, bitte, bitte“, dann aufreizendes Augenzwinkern und schließlich die Königsdisziplin „Betonung der Brüste durch seitlichen Druck der Oberarme“. Als ich ihr auch daraufhin eine Freibier-Abfuhr geben muss, nimmt sie ihr leeres Glas und schmettert es mir auf die Theke, bevor sie sich umdreht und im Gedränge verschwindet.

Ich schaue ihr entgeistert hinterher und fange lauthals an zu lachen. Bei hunderten von Kölschgläsern, die hier an einem einzigen Abend zu Bruch gehen - da glaubt sie doch nicht wirklich, dass mir das eine etwas aufmachen würde.

Um zwei Uhr hat Dan Feierabend und sagt, dass er jetzt aber schnell nach Hause müsse, da er ja morgen früh raus muss - zwei Stunden später steht er mit einer zierlichen Brünette an meiner Theke und bestellt mit den restlichen Worten, die er zu sprechen noch fähig ist zwei Flaschen Becks Green Lemon. Eine weitere halbe Stunde später holt er seine Jacke und verschwindet mit ihr.

Um fünf Uhr torkeln dann die letzten Gestalten über die Tanzfläche und wir spielen das berühmte Spiel „Wer ist der beste Tänzer“, was im wesentlichen daraus besteht, die Gäste auf der Tanzfläche zu beobachten und den besten (=lächerlichsten) Tänzer zu nominieren.

Um halb sechs dann Feierabend. Weil ich die Bahn gerade verpasst habe, nehme ich mir ein Taxi nach Hause und hab damit einen guten Teil meines Lohns schon wieder ausgegeben.

Ich kann ja soo gut mit Geld umgehen.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Play it again, please



Als die Orgel ausgeklungen ist schauen wir uns an. Aarons Blick verrät mir zum siebten oder achten Mal während dieser Fahrt dasselbe: „Ich will es nochmal hören.“ Ich kann und will ihm seine Bitte nicht abschlagen und drücke erneut die Taste auf dem CD-Player, die dafür sorgt, dass es wieder von vorne los geht. Eine halbe Sekunde vergeht und das Schlagzeug setzt ein, bis Ben Gibbard beginnt uns davon zu erzählen wie schön es ist, wenn alles verbrennt.

Es muss um die 2 Uhr Nachts sein, denn die Autobahn ist vollkommen leer. Artur sitzt hinten und schläft. Wir sitzen vorne und reden nicht. Ich frage mich, ob man als Außenstehender jetzt sehen könnte, wie glücklich wir sind. Dreckig, müde und zerzaust in einem mit Gitarren, Amps und Schlagzeugteilen völlig überfüllten Polo, der zum Entsetzen von Aarons Mutter nur einen einzigen Airbag hat.

Der Gig war in einem großen Zelt beim Rover Camp. Es ist Spätsommer 2008. Weil es den ganzen Tag über geregnet hat ist alles voller Dreck und Matsch. Auf der Bühne ist die Ausrutschgefahr genauso hoch wie davor. Der ganze Auftritt läuft super, bis mir beim letzten Song – Hangover Boy – die tiefe E-Saite reisst. Ich nehme Andis Ersatzgitarre und gleich beim ersten Anschlag reisst mir auch hier die selbe Saite. Weil mir die Ersatzgitarren damit auch schon ausgegangen sind, leg ich sie wieder auf Seite und lasse die andern drei wissen, dass wir den Song heute mal nur mit einer Gitarre spielen müssen. Ich versuche meine Gitarrenspur zu singen und bin nachher ziemlich überzeugt davon, dass sich das auch ziemlich gut angehört hat, bis mich Aaron fragt, was mich denn da geritten hätte…

Wir machen die Bühne frei für die letzte Band des Abends, irgendeine Party-Cover-Band. Als wir uns nach dem Umbau im Publikum tummeln, finden wir schnell heraus, dass die Pfadfinder hier grade ziemlich betrunken und große Fans der Seven Nation Army Bassline sind. Also stimmen wir sie nach jedem Song an und sehen dabei zu, wie sich die Coverband jedes Mal irgendwie genötigt sieht, den Song zu spielen. Sie haben ihn aber nicht im Repertoire und ihr Basser kennt den Song anscheinend nicht, was uns natürlich noch größere Freude bereitet.

Als sie fertig sind bauen wir ab und bleiben noch eine Weile, bis wir schließlich die Sachen ins Auto laden und – bis auf Andi, der noch über Nacht im Camp bleibt – uns auf den Heimweg begeben. „Grapevine Fires“ ist der erste Song der läuft und weil es uns so gut geht und wir nicht wollen, dass das alles vorbei geht, ist er auch der einzige Song der läuft. Immer und immer wieder hören wir, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir alle verbrennen. Und zum Schluss dann doch die Hoffnung, die uns sagt:

“And the firemen worked in double shifts
With prayers for rain on their lips
And they knew it was only a matter of time”

Death Cab for Cutie – Grapevine Fires

Samstag, 5. Dezember 2009

I Had a Dream of My Band



Wir sitzen bei meinen Eltern. Liesa und ich. Und füllen irgendwelche Fragebögen aus. Wie damals in der Fahrschule. Eigentlich nichts, was Spaß macht, aber irgendwie doch. Man ist froh, wenn man alles richtig hat. Ob ich alles richtig hab, weiß ich nicht mehr.

Meine Eltern wohnen anscheinend in Köln. Denn wir fahren mit der Straßenbahn nach Hause. Linie 12 oder 13. Es ist schon dunkel. Wir kommen an irgendeinem Café an, wo sie mir Freunde vorstellen will. Als ich die sehe, wundert es mich, dass ich noch nie von ihnen gehört habe. Sie tragen dicke Baggy-Pants und ihre Caps sitzen schief. Liesa begrüßen sie mit diesem Gefängnisgruß; Faust gegen Faust. Gibt es dafür einen Fachausdruck? Im Moment ist mir das egal. Ich will ihnen auch die Faust geben. Sagt man das so? Sie geben mir die Hand. Es folgt irgendein irrelevanter Smalltalk.

Aus dem Augenwinkel sehe ich Paul, der am andern Ende des Raumes gerade Getränke bestellt und freue mich, dass mein Bassist auch hier ist. Mit den drei gefüllten Kölschgläsern, die er geholt hat, geht er vor die Tür. Eins gibt er Alessandro. Gibt’s ja nicht. Der Keyboarder ist auch hier.

Sie sehen mich durchs Fenster. Ich winke. Sie schauen erst mich an und tauschen dann hektische Blicke aus, rufen irgendwas mit „Scheiße“ und laufen davon. Ich bin nicht verwirrt oder so. Ich weiß sofort Bescheid. Ich brülle ihnen hinterher, dass ich kein Bock mehr habe. Jetzt rufe ich irgendwas mit „Scheiße“. Und dann, dass ich kein Bock mehr auf diese Band habe. Sowas linkes und verlogenes. Paul ruft, das wär ihm egal. „Mach doch!“

Ich will noch mehr rufen, doch Liesa hat meine Hand genommen und wir rennen weg. Das Café ist schon weit hinter uns, als ich durch die Augen in meinem Hinterkopf auch Sascha sehe. Paul gibt ihm sein Bier und erzählt ihm, was passiert ist. Sascha findet das nicht so lustig und schaut uns hinterher. Dann sagt er irgendwas zu den andern beiden – wahrscheinlich irgendwas mit „Scheiße“ – und sie fangen an zu rennen. Sie verfolgen uns durch die Dunkelheit.

Wir laufen lange und wir laufen weit. Irgendwann kommen wir an ein paar Mehrfamilienhäusern vorbei. Wir biegen links ab, dann rechts und verstecken uns hinter einer Garage. Ich sage ihr, dass sie die beste ist, denn sie kennt die besten Verstecke.

Eine alte Frau fährt auf einem Kettcar an uns vorbei. Vielleicht auch ein Go-Cart. Aber ohne Motor.

Als es schließlich ruhig geworden ist, schaue ich hinter dem Garagenblock hervor und gehe auf die Straße. Jetzt ist es noch ruhiger als zuvor. Man hört noch nicht einmal den Wind. Nur die Dunkelheit.

Am anderen Ende der Straße steht Paul im Schein einer Straßenlampe. Als er mich sieht, rennt er auf mich zu. Ich fange wieder an, davonzulaufen, doch irgendwie ist er schneller und reißt mich zu Boden. Er brüllt irgendwas von wegen, dass ich mich ja aus dem Staub machen würde. Jetzt wo es mit der Band ja losgehen würde, da würde ich kneifen.

Ich schreie in sein Gesicht, dass mir die Band nicht so wichtig ist. Wichtiger ist, dass man dort Freunde hat, die einen nicht verarschen. Er will antworten, doch ich verpasse ihm einen Schlag in die Magengrube. Er geht zu Boden und weint. Sascha und Alessandro sind nirgends zu sehen. Liesa ist auch weg.

Als ich aufwache und feststelle, dass sie neben mir liegt, überlege ich kurz, sie zu wecken. Dann fällt mir ein, dass ich sie schon beim letzten Traum geweckt habe. Das war irgendwas mit Möpsen und Nudeln. Aber nichts Schweinisches.

Dienstag, 17. November 2009

The Hardest Gang of Cologne



Ich renne. Bereits seit 10 Minuten laufe ich so schnell ich kann, doch sie sind noch immer hinter mir. Langsam merke ich, dass meine Ernährung der letzten Wochen, die hauptsächlich aus Tiefkühlpizza und China-Nudeln bestand, einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat: Meine Kondition lässt nach und ich bekomme Seitenstechen. Lange halte ich das nicht mehr durch. Jeder Kölner kennt den Ruf des Stadtteils Ossendorf. Doch was will man machen, wenn die letzte Bahn, die fährt, die Richtung Ossendorf ist und die Endstation nur ein paar Kilometer von Zuhause entfernt ist.

Jetzt bereue ich meine Entscheidung. Mein Atem, den ich bei der Eiseskälte sehen kann und wie einen grauen Schweif hinter mir her ziehe, wird immer schwerer. Meine Beine machen auch nicht mehr lange mit. Und grade als ich um die Ecke biege und mein Haus bereits in Sichtweite ist, passiert es: Ich werde von etwas hartem am Hinterkopf getroffen, gehe zu Boden und schreie auf.

Durch die Dunkelheit höre ich ein schrilles Lachen. Dann ein Husten. Ein Räuspern. Und schließlich wieder ein Lachen, aber diesmal etwas weniger schrill als beim ersten Mal. Der Kloß im Hals war ihm scheinbar unangenehm. Jetzt ist es still.

Ich liege im Lichtkegel der einzigen funktionierenden Straßenlaterne vor meinem Haus und richte mich auf. Ein paar Meter vor mir sehe ich den Gegenstand mit dem ich getroffen wurde. Es sieht aus wie ein… Keks. Und er dampft noch.

Jetzt tritt jemand in den Lichtkegel. Ich sehe zuerst nur die Schuhe und seine Hose, als er sich nach dem Keks bückt, ihn aufhebt und dann ein leises Schmatzen von sich hören lässt.

„Hmm, Siggi. Die sind mal wieder richtig gut. Sie als Munition zu benutzen ist doch wirklich zu schade.“

Er bewegt sich weiter auf mich zu. Und rückt sich dabei seine Hose zurecht. Sie sitzt über seinem Bauchnabel, was ich normalerweise sicher belustigend gefunden hätte. Ich schätze die Situation aber gerade als zu unpassend ein, um mich darüber lustig zu machen.

„Anneliese schickt uns.“

Er kommt noch näher, zieht an seiner Zigarette und haucht mir ins Gesicht. Er riecht nach Marihuana. Der Rauch treibt mir die Tränen in die Augen. Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich wieder klar sehen kann. Und als ich es kann… bin ich überrascht. Aber leider nicht weniger beängstigt.

„Oh mein Gott. Sie sind ja. Sie sind ja alt. Richtig alt. Sie könnten mein Vater sein. Wie konnten Sie so schnell…“

Sein schrilles Lachen unterbricht mich. Dann fängt er wieder an zu husten. Schließlich ein kurzes Räuspern.

„Ich bin so alt, dass ich deinem Papa wahrscheinlich auch schon in den Arsch getreten hab.“
„Was wollen Sie?“
„Was denkst du denn? Glaubst du etwa, du kommst ungestraft davon, wenn du einem von uns in der Bahn keinen Platz anbietest!?“
„Aber ich…“
„KEIN ABER!“

Er spuckt mir Kekskrümel ins Gesicht.

„Lass dich hier nie wieder blicken Junge!“

Jetzt tritt der Zweite in den Lichtkegel. Er stützt sich lässig auf seinen Rolator, an dem ein paar geklaute Mercedes-Sterne und ein Fuchsschwanz baumeln.

„Komm Hartmut, der Junge hat seine Lektion gelernt. Lass uns lieber verschwinden, bevor die Bullen kommen.“

Hartmut hat seine Augen noch immer starr auf mich gerichtet, als ich mir die Krümel von der Wange wische. Er zischt mich an: „Ich hoffe, du hast deine Lektion gelernt, Bursche. Denn beim nächsten Mal sind wir nicht so gnädig.“

Dann dreht er sich um und setzt sich auf den Rolator seines Begleiters, der sogleich den Motor startet. Mit aufheulendem Motorengeräusch machen sie sich aus dem Staub. Geschockt bleibe ich noch eine Weile auf der Straße sitzen, bis ich schließlich reingehe und eine heiße Dusche nehme. Ich beschließe, dass es wohl besser ist, mit dieser Geschichte nicht zur Polizei zu gehen.

Obwohl die Typen echt gemeingefährlich waren. Aber der Rolator war schon geil.