Sonntag, 17. Oktober 2010

Moving into Places


Seitdem ich in Opladen wohne wird der Bahnhof erneuert. Das hat zur Folge, dass alle 30 Minuten ein grelles Signalhorn ertönt, das die Bauarbeiter vor dem einlaufenden Zug warnt. Das Signalhorn ist sehr, sehr laut. Unsere Wohnung ist nicht weit vom Bahnhof entfernt. In der ersten Woche hier hab ich gar nicht gut geschlafen, inzwischen hab ich mich dran gewöhnt. Ich bin gespannt, ob ich‘s vermissen werde, wenn die Bauarbeiten einmal abgeschlossen sind. Liesa hat erzählt, dass die Bahn den Anwohnern ein Hotelzimmer bezahlt, wenn sie sich durch den Lärm zu stark beeinträchtigt fühlen. Vielleicht geben sie mir ja auch ein Zimmer, wenn ich nach Fertigstellung des Bahnhofs nicht mehr schlafen kann, weil ich das Signalhorn einfach zu sehr vermisse...

Ich sitze seit langem wieder in der Bahn. Eine Sache, die nach meinem Umzug leider zur Seltenheit geworden ist. Wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass ich lange nichts mehr zu Papier gebracht hab. Wenn ich statt einer Stunde Bahnfahrt nur noch zwei Minuten Fußweg zur Arbeit habe, dann fehlt zum Schreiben einfach die Zeit. Dabei sollte der Umzug doch eigentlich Zeitersparnis bringen?!

Der Zug fährt am Kölner HBF ein - beinahe zeitgleich mit dem RE9. Das gehört zu meinen Lieblingsmomenten beim Bahnfahren: Nebeneinander fahrende und immer langsamer werdende Züge. Als hätte man eine Fernbedienung, mit der man sein Leben kurz in Zeitlupe abspielen lassen kann.

Als ich ausstiege fällt mir wieder auf, wie schweinekalt es in den letzten Tagen geworden ist. Heute morgen bin ich aufgewacht und die Heizung war aus. Liesa ist im Urlaub. Es war so kalt, dass ich meinen Atem sehen konnte. Draußen auf der Straße ist das vielleicht okay, aber in meinem Schlafzimmer hat das nichts zu suchen.

Auf dem Weg vom HBF zum neuen Proberaum hat man das Gefühl, an allen sozialen Schichten der Stadt vorbeizukommen. Das ist umso interessanter, wenn man bedenkt, dass der neue Proberaum am Bogen 2 unter der Hohenzollernbrücke und damit nur knappe 200 Meter vom HBF entfernt ist.

Zuerst kommen die schnöseligen Anzugträger, die mit mir den Bahnhof auf der Rückseite verlassen. Die werden dann meist abgeholt von weniger schnöseligen Anzugträgern, auf deren DIN A4 Zetteln in großen Buchstaben Namen wie Müller oder Meier-Rosendhal stehen. Meier-Rosendhal ist natürlich die weibliche Variante , denn eine emanzipierte Geschäftsfrau gibt natürlich auf keinen Fall ihren Mädchennamen auf, wenn sie geheiratet hat. Selbst dann nicht, wenn daraus so ein beknackter Doppelname wie Kaufmann-Berghahn oder Müller-Rosendhal entsteht. Und was passiert eigentlich wenn zwei Menschen mit Doppelnamen heiraten? Wird das nicht viel zu kompliziert irgendwann? Wenn die ihren Kindern dann auch noch schnöselig viele Vornamen geben, blickt doch keiner mehr durch...

Am Busbahnhof tummeln sich die, die sich keinen Chauffeur leisten können. Ein paar Meter weiter haben zwei ehemalige Hartz IV-Empfänger eine Fahrradwerkstatt aufgemacht. Je weiter man sich vom HBF entfernt, desto beißender wird der Gestank nach Pisse und Bier.

Neben unserem Proberaum befindet sich das Gulliver, ein Obdachlosencafé. Auf den letzten Metern davor liegen grundsätzlich immer ein bis zwei tote Tauben, ich weiß zwar nicht woher die kommen, aber inzwischen hab ich mich auch daran so sehr gewöhnt, dass ich sie vielleicht vermissen würde, wenn sie mal nicht dort lägen.

Nach und nach trudeln auch die anderen drei am Proberaum ein. Wir gehen rein, schließen die Instrumente an und versuchen den neuen Song von der letzten Probe wieder auf die Reihe zu kriegen. Er handelt vom kurzen Leben eines Heliumluftballons...

Mittwoch, 4. August 2010

Swim until you can‘t see Land



Glück ist schlecht für die Kreativität. Zumindest für meine. Dabei bin ich mir nicht mal sicher ob Glück der richtige Begriff ist. Eher Zufriedenheit. Innere Ruhe. Ich weiß nicht wie man es nennt, denn die Zeiten, in denen ich mich so gut gefühlt hab, hielten entweder nie sehr lange an oder stellten sich schnell als gute Schauspieler unter Beweis.

Jedenfalls hab ich keinen einzigen vernünftigen Satz zu Papier gebracht, seitdem es mir so geht. Seitdem ich mit den alten Geistern der Vergangenheit abgeschlossen hab, die Füße hochgelegt und es mir in der neuen Wohnung gemütlich gemacht hab.

Ich habe ein Haus. Irgendwo im Nirgendwo. Es spielt keine Rolle wo es ist, die Hauptsache ist, dass es eine schöne alte Veranda vor dem Eingang hat. Da sitz ich dann und sage: „Siehst du das? Es geht mir gut! Du kannst mich mal.“

Dann höre ich lange nichts. Ich bin mir fast schon sicher, dass das Schicksal nach Hause gegangen ist um ein neues Opfer für seine Schikanen zu suchen, als es mir aus der Dunkelheit entgegen lacht: „Wie lange ist es her? Deine Kugelschreiber sind schon längst vertrocknet, von deinem Füller ganz zu schweigen! Du hast nichts mehr zu sagen. Bleib in deinem Vorgarten und fang schonmal an, dein Grab zu schaufeln.“

Ich sage nichts. Ich warte bis das Gelächter verschwunden ist und gehe in mein Haus zurück. Als ich mit einem Blatt Papier in der Hand zurück komme ist es draußen ein wenig heller geworden. Ich setze mich in meinen Schaukelstuhl und schaue in die Ferne. Ich denke nach.

Nach drei Stunden habe ich mich noch immer kein Stück bewegt, bis schließlich mein linker Zeigefinger zuckt. Zögerlich bewegt er sich in Richtung Papier. Aus Angst davor, das Schicksal hätte die Wahrheit sagen können, habe ich auf Kugelschreiber oder Füller verzichtet und stattdessen einen Bleistift gewählt. Langsam formen sich die Buchstaben auf dem Papier: „Schwimm zurück.“

Dann wache ich auf. Mir ist kalt und ich bin nass. Ich versuche aus dem Bett aufzustehen und ertrinke beinahe bei dem Versuch. Um mich herum ist das Meer. Atlantikküste. Urlaub mit der Familie.

Ich habe Leute immer beneidet, die sich einfach flach mit dem Rücken aufs Wasser legen und sich treiben lassen. Die Sorglosigkeit und Gelassenheit dazu hat mir immer gefehlt und meine eigene Unruhe hat mich jedes Mal unter Wasser gedrückt. Und jetzt bin ich so gelassen, dass ich beim Versuch dabei eingeschlafen und einige Hundert Meter aufs offene Meer hinausgetrieben bin. Ich atme tief ein und mache mich auf den Rückweg.

Es ist schon seltsam, dass Liesa und ich erst vor einem Monat in die neue Wohnung gezogen sind und ich jetzt - nach nur ein paar Tagen ohne die hohlen Altbauwände, die schiefen Böden und das bequemste Sofa der Welt - bereits Heimweh habe.

Als ich schließlich wieder an der Küste ankomme ist niemand mehr am Strand. Ich drehe mich zurück zum Horizont und brülle Ihn an: „Siehst du das, Schicksal? Es geht mir gut! Du kannst mich mal am Arsch lecken!“

Dann fange ich an zu tanzen und singe Brothers in Arms, so laut ich kann: "I was lost but now I‘m found. I was lost but now I'm found. I was lost. But now I'm found, when I‘m alone, when I‘m with you."

Sonntag, 6. Juni 2010

Two Years in Cologne



Soviel vorab: Da mein PC sich in den letzten Tagen gänzlich von mir verabschiedet hat und ich mich dazu auch noch im Umzugsstress befinde, habe ich es im letzten Monat gänzlich versäumt, diesen Blog zu pflegen. Herr Schleime - mein ehemaliger Deutschlehrer – hat es gehasst, wenn ich irgendwo so lange und teilweise verschachtelte Sätze mit Informationen vollgepackt habe. Deswegen widme ich ihm den nächsten Eintrag, der folgenden Untertitel trägt:

Wahllose Einsätzer zu Gedanken und Erlebnissen aus der schönsten Stadt am Rhein


Dienstag | 30.3.2010 | Shout Out Louds in der LMH

Die Dicke der Brillengestelle der heutigen Gäste verhält sich antiproportional zur Weite ihrer Hosen.


Freitag | 28.11.2008 | Poplife in der LMH

An einem meiner ersten Arbeitstage gewöhne ich mich schon mal an das wöchentliche Kollektivversagen, wenn die Menge bei „Westerland“ bereits nach der ersten Strophe den Refrain mitgröhlen will.


Sonntag | 8.2.2009 | Am Dom

Beim ersten Date mit Liesa rutschen wir mit Anlauf über die regennassen Domplatten, um schließlich vollkommen durchnässt den Flügel im Domhotel zu spielen.


Freitag | 18.9.2009 | Poplife in der LMH

Nach mehrmaligem Nachfragen – meinerseits – mache ich dem Gast schließlich einen Whiskey-Cola Light.


Samstag | 14.4.2010 | Frightened Rabbit im Luxor

Das Konzert wird zur ungeahnten Tortur, weil das Mädchen vor uns furchtbare Blähungen hat.


Samstag | 20.3.2010 | SAE

Nach einem halben Jahr Terminverschiebungen sind „The Paper Queens“ endlich im Studio, um den Song „Knowledge“ aufzunehmen; von den Aufnahmen haben wir bis heute noch nichts gehört.


Freitag | 18.12.2010 | Wieder mal die Poplife in der LMH

Weil ich ihm keinen Whiskey in seinen Whiskey-Cola nachschütten will („Ey, Da ist gar kein Alkohol drin, ey!“), werde ich von einem Kunden als Nazi bezeichnet, bevor er mir offenbart, dass meine Kinder später meinetwegen zum Psychiater müssen.


Sonntag | 6.5.2010 | Opladen, neue Wohnung

Weil Liesa noch auf sich warten lässt, baue ich unser neues Bett schon mal auf, ein schwarzes IKEA HEMNES, ganz alleine! Das wollte ich nur mal loswerden!

Mittwoch, 7. April 2010

Hometown Birthday


2.4.2010, 11:14 Uhr: Der Tag danach. Ich hab nicht viel getrunken und doch dröhnt mein Kopf als wolle er mir das Gegenteil beweisen. Seitdem ich die Zwanziger überschritten habe, hab ich das Gefühl zum echten Weichei mutiert zu sein – zumindest was das Trinken angeht. Wenigstens weiß ich noch alles von letzter Nacht. Nach einer kalten Dusche und dem besten Frühstück der Welt – Nougat Bits und Schokochips in eiskalter Vollmilch – setze ich mich an mein Notebook und fange an zu schreiben.

03:33 Uhr: Als wir am Haus meiner Eltern ankommen, versuche ich vergeblich wieder ein bisschen Ruhe reinzubringen. Marius steigt aus, um mich herauszulassen und Jill betont zum Abschied noch, dass ich allein mit den Gesprächsthemen während der Rückfahrt jetzt ja eigentlich wieder genug Stoff für einen Blogeintrag zusammen hätte. Ich steige aus und Dennis ruft vom Beifahrersitz: „Hey Benne!“ Ich dreh mich noch mal zum Auto um. „Halt die Ohren steif…“

Ich vervollständige seinen Abschiedsgruß: „…und den Pimmel auch!“

03:14 Uhr: „Ich muss euch mal was fragen!“ Im Auto wird es ruhig. „Ne, jetzt mal im Ernst. Wichtige Sache. Da hab ich mich letztens mit Chris drüber unterhalten und wir haben uns richtig gestritten deswegen…“ Jetzt wird’s interessant denke ich und warte ab, bis Dennis schließlich wieder ansetzt um seine Frage zu formulieren: „Also, wenn Ihr wählen könntet was Ihr wärt, was würdet Ihr nehmen: Vampir oder Werwolf? Und ich meine jetzt nicht so ne Twilight-Scheiße!“

Obwohl ich mir das Lachen echt verkneifen muss, erkläre ich ihm, dass ich auf jeden Fall den Werwolf nehmen würde. „Ich mein, einmal im Monat ist Vollmond. Dann läufst du halt draußen rum und lässt die Sau raus. Naja und den Rest des Monats lebst du ganz normal dein Leben…“ Jubelnd stimmt Dennis mir zu. Jill hingegen lässt verlauten, dass sie eher auf der Vampir-Seite ist, wird aber sofort von Dennis’ scheinbar einzigem, aber zugleich niederschmetterndem Argument entwaffnet: „Und was machst du, wenn du mal mit deinen Freunden grillen willst? Kannste nicht! Musst ja im Dunkeln bleiben!“

03:05 Uhr: Wir haben es endlich ins Auto geschafft – jedenfalls fast. Dennis irrt noch immer vor der Kajüte rum und flucht, weil Martin und Chris nicht mit zurück fahren. Martin kommt nicht, weil er irgendeine alte Flamme getroffen hat und nun versucht erneut bei ihr zu landen. Und Chris kommt nicht mit, weil er Martin dabei scheinbar tatkräftig unterstützen will.

Als Dennis schließlich auf das Auto zugeschwankt kommt, ruft er gerade irgendwas von schlaffen Penissen und dass da heute sowieso nichts läuft und überhaupt und achegal. Marius dreht sich zu uns um und sagt: „Wartet ab. So wie ich ihn kenne, will er jetzt noch zu irgendeiner Fressbude.“ In diesem Moment reißt Dennis die Fahrertür auf und teilt uns unmissverständlich mit, dass er noch Burger-King-Gutscheine hat und deswegen eine Runde Cheeseburger bei McDonalds ausgibt.

Marius gibt sich gelassen. „Alles klar, machen wir! Steig ein!“ Die Fahrertür schließt sich wieder, Marius dreht sich zu uns um und lacht: „Als ob ich jetzt noch irgendwo hinfahren würde.“ Dann geht die Beifahrertür auf und während Dennis einsteigt heißt es: „Ey, ich hab ganz vergessen, dass ich gar keine Knete mehr hab… Bei Mäcces müsst ihr dann wohl bezahlen…“

02:17 Uhr: Ich stehe an der Kasse und will bezahlen, als ich höre wie Dennis grade irgendwen verabschiedet. „OKAY, HALT DIE OHREN STEIF ALTER! UND DEN PIMMEL AUCH!“. Klassischer Moment, in dem ich mir wünsche, dass die Musik ausgeht, damit diese Worte in der ganzen Cocktailbar nachhallen können. Herrlich.

Nachdem wir uns von allen verabschiedet haben, machen auch wir uns auf den Weg zum Ausgang, als Martin plötzlich bei irgendeinem Mädchen stehen bleibt, uns mitteilt, dass er in zwei Minuten nachkommt und wir doch schon mal rausgehen sollen. Wird wohl nicht lange dauern…

00:11 Uhr: Jill: „Wann schreibst du mal wieder nen neuen Blog-Eintrag?“
Ich: „Naja, wenn es sich ergibt… wenn nicht viel passiert, kann ich ja auch nicht viel schreiben…“

1.4.2010, 10:32 Uhr: Der erste April. Maxis Geburtstag. Nach zwei Weizenbier mit meinen Eltern und einem netten Gespräch mit meiner Mama darüber, dass ich mich Ende April wieder tätowieren lasse – was sie zuerst für einen schlechten Aprilscherz hält – setzt mich mein Bruder ins Auto und fährt mich zur Kajüte, der so ziemlich einzigen Cocktailbar in der Nähe von Herzfeld…

Sonntag, 14. März 2010

Changing Trains



Als der Fahrkartenkontrolleur auf mich zukommt schaue ich zunächst dezent auf die Uhr. Nicht wegen der Uhrzeit, sondern wegen des Datums. Es ist bereits Anfang März (der neunte, heute hat mein kleiner Bruder Geburtstag!) und ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich zuletzt kontrolliert wurde. In diesem Jahr jedenfalls noch nicht… Dezember? Nicht, dass ich wüsste! November? Nein, muss länger hergewesen sein! August? Ja, August kommt hin! Bin mir ziemlich sicher, dass ich eine kurze Hose trug…

Er steckt mein Ticket in die Laserknarre (Ich find ja, dass das Ding echt aussieht wie eine Laserkanone. Vielleicht sogar Phaser, aber dafür hab ich Star Trek zu selten geschaut. Vielleicht arbeitet die DB ja an einer Methode, Schwarzfahrer direkt zu beseitigen…), während ich Ihn dabei beobachte. Er hat einen ziemlich dicken Schnäuzer (Popelbremse, alternativ auch Schenkelbesen) und glatt gegelte graue Haare unter der roten DB-Mütze.

Plötzlich schießt es aus mir heraus:

„Sie waren wohl im Winterschlaf, oder?“
„Bitte?!“
„Naja, ich frag ja nur. Ich wurd seit Ewigkeiten nicht mehr kontrolliert und da wollte ich nur mal wissen, ob es nicht vielleicht sein könnte, dass Sie sich im Winter mit Ihren Kollegen von der KVB ein kleines Nest bauen und es sich dort schön gemütlich einrichten. Ist ja gar nicht böse gemeint oder so…“

Irgendwie scheint er mich das nicht zu glauben…

„Nicht böse gemeint?! Sie sollten wissen, dass es oft nicht allzu gesund ist, zu sagen was man denkt!“

Ich versuche, seine Aussage richtig zu deuten. Glaube er versucht mir zu drohen. Niemand – zur Verdeutlichung gerne wiederholt - Niemand wirkt bedrohlich in der stets zu großen DB-Jacke und dem lustigen roten Mützchen.

Kurz überlege ich, ob ich ihm das auch so sagen sollte, beschließe dann aber, lieber auf seine Aussage einzugehen.

„Naja, um ehrlich zu sein tu ich das wirklich so gut wie nie. Ich sage selten was ich denke. Und das ist wirklich schade, weil ich ein sehr neugieriger Mensch bin, wissen Sie? Wollen Sie ein Beispiel?“

Er möchte mir sagen, dass er natürlich kein Beispiel will, aber ich falle ihm ins Wort.

„Wenn ich zum Beispiel ein fettes Pärchen sehe - kein dickes oder pummeliges Pausbäckchen-Duo, sondern ein zentnerschweres, rollendes Steakvernichter-Gespann – dann fällt es mir wirklich schwer still zu bleiben. Dann möchte ich am liebsten aufspringen, auf sie zulaufen und versuchen, sie zu umarmen. Und nachdem ich beiden dann freudig erregt mitgeteilt habe wie klasse ich das finde, dass sie das machen, dass sie sich so akzeptieren wie sie sind - mit all ihren Makeln - dann frage ich sie, wie sie das machen. So rein physisch. Sie wissen schon, im Bett und so.“

Er schaut mich angewidert an.
„Ach ich bitte Sie. Als ob Sie das noch nie wissen wollten.“

Jetzt schaut er ein wenig verschämt zu Boden.

„Na bitte. Also mich interessiert das schon. Nicht nur das „wie?“ sondern auch das „was?“ und wie flexibel man ist und so weiter und so fort…“

„Und ob das nicht gefährlich ist, das wollte ich immer schon mal wissen!“, brüllt der Schaffner plötzlich. „Das wollte ich immer schon mal wissen! Da kann man sich doch sicher was quetschen, oder brechen oder zumindest prellen!“

Er setzt sich zu mir und nachdem wir noch ein wenig über fette Menschen beim Sex geredet haben, frage ich ihn schließlich, ob man mit dem Kontrolliergerät auch Leute erschießen kann. Er lacht.

„Nein, aber das ist ein super Flaschenöffner!“

Dann holt er zwei Flaschen Früh-Kölsch aus seinem Rucksack, öffnet sie mit der Laserknarre und wir stoßen an.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Confessions of a long Youth | Pt. 1



Weil ich gerade erst 17 geworden bin und mein Führerschein somit noch ein Jahr auf sich warten lässt, bin ich bei den Fahrten von Herzfeld nach Lippborg zum Proberaum auf Artur und seinen Führerschein angewiesen. Ich weiß nicht mehr warum, aber an diesem späten Dienstagnachmittag, irgendwann im Sommer 2006, kann Artur nicht zur Probe kommen. Für mich heißt es also Fahrrad oder per Anhalter fahren. Und da es draußen herrlich warm ist und es von Herzfeld nach Lippborg nur ein paar Kilometer sind, fällt mir die Wahl nicht schwer.

Um halb fünf stehe ich also – Gitarre in der linken, Daumen raus an der rechten Hand – an der Hauptstraße und warte darauf, mitgenommen zu werden. Als ich eine halbe Stunde später (Ist nicht so schnell wie es sich anhört, wenn man bedenkt, dass man eigentlich nur die Hälfte der Zeit bräuchte. Aber manchmal ist das halt so beim trampen, man braucht länger fürs Warten als für die Fahrt an sich) im Proberaum ankomme, sind Andi und Aaron bereits da und schauen ungeduldig auf die Uhr. Ich bin froh, dass wir – anders als bei den Paper Queens – keine Regelung fürs Zuspätkommen haben. Probe Minute eine Liegestütze…

Nach der Probe geht’s zu Andi, eigentlich das damals übliche Sommerprogramm. Jeder einen Sitzsack, gemütlich gedämmtes Licht und dann geht der Shisha-Schlauch rum, während wir uns von Jack Johnson (alternativ auch Foo Fighters – In Your Honor CD 2) bedudeln lassen.

Aber da heute Dienstag ist, bleiben wir auf dem Weg nach oben bei der Restaurantküche hängen. Dienstags gibt es im Gasthaus Willenbrink Spare-Ribs bis zum Abwinken. Und nicht irgendwelche Spare-Ribs, nene, Andis Papa macht die besten verdammten Spare-Ribs der Welt. Wir haben Andi mal gefragt, wie sein Vater es schafft, dass sich das Fleisch so gut von den Knochen löst. Er hat uns erklärt, dass der Metzger die Schweine vor dem Schlachten einmal ordentlich verprügelt, um innen mal alles aufzulockern. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Aaron das auch heute noch glaubt…

Also bleiben wir an diesem Dienstag Abend im Sommer 2006 unten in der Wirtschaft, lassen uns königliche Spare-Ribs servieren, genießen eisgekühlten Whiskey (sogar ohne Cola) und feiern uns selbst. Man könnte fast meinen, wir seien auf dem direkten Wege in die erwachsene Ernsthaftigkeit, wenn der Abend an diesem Punkt geendet hätte.

Vielleicht waren es zu viele von den köstlichen Rippchen, wahrscheinlich war es einfach zu viel Alkohol, jedenfalls beschließen wir, noch ein wenig frische Luft zu schnappen, anstatt endlich schlafen zu gehen.

Am frühen – sehr frühen – Morgen gibt es in Lippborg nicht viel zu sehen (zu irgendeiner anderen Tageszeit eigentlich auch nicht) und so ist uns nach kurzer Zeit langweilig…

…bis wir an diesem alten Mercedes vorbeikommen. 15 Jahre hat der mindestens schon hinter sich. Es ist zu dunkel um es zu erkennen, aber ich wette er ist oliv-grün. Oder kack-braun. So wie alle alten Autos hier in der Gegend. Als hätte es damals einen großen Farb-Super-GAU gegeben, in dem alle schönen bunten Autos in farbliche Tristesse getunkt werden mussten. Aber sein Stern, so schön, wie er glitzert. Wie er strahlt, in dieser tiefschwarzen Nacht… nach einem kräftigen Ruck ist sein Glanz erloschen. Ich stecke ihn in meine Tasche…

…am nächsten Morgen bin ich wieder auf dem Weg zur Hauptstraße. Die letzte Nacht hat erinnerungstechnisch gar nicht stattgefunden und mein Kopf fühlt sich entsprechend an. Ich strecke meinen Daumen aus und muss nicht lange warten.

_____________________________



Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, weshalb ich diese Geschichte beichte: Zunächst einmal – für die Klugscheißer – ist der Mercedesstern das meistbestellte Ersatzteil der Welt. Zum einen könnte man jetzt sagen, dass dann einziger gar nicht weh tut. Ich für meinen Teil fühle mich schuldig, zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben!

Der zweite Grund ist der schlimmere und auch der Grund für das frühe Ende der Geschichte: Der Wagen, der mich am nächsten Tag mitgenommen hat, war besagter Mercedes! Kein Scheiß! Die ganze Heimfahrt zu schildern, könnte eine weitere Kurzgeschichte füllen, daher mache ich es kurz:

Beim Einsteigen fühlte ich einen kleinen, metallischen Gegenstand in meiner Gesäßtasche. In diesem Moment fiel mir der gesamte vorige Abend wieder ein. Jeder einzelne Moment. Und mit welchem Genuss ich diesem Wagen seinen Anmut stahl.

Weiterhin möchte ich beichten, dass es mir Leid tut, den Fahrer auch noch auf den Verlust angesprochen zu haben, á la „Oh, ihr Stern fehlt ja.“, woraufhin er sich lauthals bei mir über diese „verdammten Drecks-Bauernkinder“ beschwert hat. Er hat mir erzählt, dass er erst vor kurzem hier hin gezogen ist, aus irgendeiner Großstadt. Dort hatte er nie Probleme mit dem Wagen, keine Stadtpunks, keine besoffenen Prolls, die seinem Wagen auch nur ein Haar krümmen wollten.

Lieber Mercedesfahrer: Es tut mir leid!

Sonntag, 31. Januar 2010

A Hard Day's Night



Als ich in die Lichtstraße einbiege bin ich bereits hundemüde. Dabei ist es gerade mal halb 10. Vor den Türen der Live Music Hall stehen bereits ein paar kleine, schwarz-gekleidete Metal-Gören und glühen vor. Mit dem bunten Löwen auf meinem Kapuzen-Pulli komm ich mir hier samstags immer ein wenig vor wie ein Tourist. Der fröhliche kleine Ben in der düsteren Welt des Metal und Hardcore. Ab 10 gehts rund. Und dann gleich zwei Stunden Freibier.

Als ich rein komme erfahre ich, dass ich heute Abend an Theke eins bin und stelle zu meiner Freude fest, dass ich mit dort mit Dan zusammen arbeite. Der ist schon da, hat bereits alles aufgebaut und begrüßt mich - gewohnt überschwänglich - mit einem „Na Alter, setzt dich gemütlich ins gemachte Nest oder wie?“

Danach kommt der für Dan und mich übliche Smalltalk:

„Wie läufts mit den Paper Queens?“

Ich erzähle ihm, dass es gut läuft, so langsam echt gute Auftritte rein kommen und dass ich mich in keiner anderen Band wohler fühlen würde:

„Und wie läufts mit Strahlemann?“

Er erzählt mir, dass es scheiße läuft, obwohl gute Auftritte rein kommen und dass er sich in jeder anderen Band wohler fühlen würde. Dann schiebt er hinterher:

„Am liebsten würde ich ja auch so Indie-Kram machen, das wär genau mein Ding.“

Später am Abend stellt er mir die Bandkollegen seiner neuen Band vor, bei der er seit kurzem Sänger ist. Sie spielen eine Mischung aus Alternative-Rock und Metal; aber er sagt, dass er sich wohl fühlt und das gönne ich ihm.

Als um 10 Uhr die Türen aufgehen, trudeln so langsam die ersten Gäste herein. Die zwei Freibier-Stunden sehen eigentlich an jedem Wochenende gleich aus: Einer zapft das Kölsch, der andere verteilt es. Um 11 kommt Lisa als Unterstützung dazu. Zwischendurch beschwert sich ein Gast, weil er ja angeblich schon seit unglaublich langen 10 Minuten auf sein Bier warten würde. Weil es uns heute Abend so gut geht, kann das unserer Laune nichts anhaben. Als er sich umdreht, zeigen wir ihm eine lange Nase, womit wir bei den übrigen Gästen anscheinend echt gut ankommen.

Um kurz nach 12 wird dann hinter der Theke immer kurz gejubelt, weil das Freibier und damit die letzte halbe Stunde Stress endlich vorbei ist. Ein paar Minuten später kommt ein junges Mädel zu mir und möchte noch ein Kölsch. Aber für umsonst natürlich. Als ich ihr sage, dass ich das nicht machen kann, weil dann ja jeder noch Freibier will - ist das jetzt erwachsen oder eher spießig? - durchläuft sie innerhalb einer Minute alle Methoden der weiblichen Bestechungsform: Erst „bitte, bitte, bitte“, dann aufreizendes Augenzwinkern und schließlich die Königsdisziplin „Betonung der Brüste durch seitlichen Druck der Oberarme“. Als ich ihr auch daraufhin eine Freibier-Abfuhr geben muss, nimmt sie ihr leeres Glas und schmettert es mir auf die Theke, bevor sie sich umdreht und im Gedränge verschwindet.

Ich schaue ihr entgeistert hinterher und fange lauthals an zu lachen. Bei hunderten von Kölschgläsern, die hier an einem einzigen Abend zu Bruch gehen - da glaubt sie doch nicht wirklich, dass mir das eine etwas aufmachen würde.

Um zwei Uhr hat Dan Feierabend und sagt, dass er jetzt aber schnell nach Hause müsse, da er ja morgen früh raus muss - zwei Stunden später steht er mit einer zierlichen Brünette an meiner Theke und bestellt mit den restlichen Worten, die er zu sprechen noch fähig ist zwei Flaschen Becks Green Lemon. Eine weitere halbe Stunde später holt er seine Jacke und verschwindet mit ihr.

Um fünf Uhr torkeln dann die letzten Gestalten über die Tanzfläche und wir spielen das berühmte Spiel „Wer ist der beste Tänzer“, was im wesentlichen daraus besteht, die Gäste auf der Tanzfläche zu beobachten und den besten (=lächerlichsten) Tänzer zu nominieren.

Um halb sechs dann Feierabend. Weil ich die Bahn gerade verpasst habe, nehme ich mir ein Taxi nach Hause und hab damit einen guten Teil meines Lohns schon wieder ausgegeben.

Ich kann ja soo gut mit Geld umgehen.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Play it again, please



Als die Orgel ausgeklungen ist schauen wir uns an. Aarons Blick verrät mir zum siebten oder achten Mal während dieser Fahrt dasselbe: „Ich will es nochmal hören.“ Ich kann und will ihm seine Bitte nicht abschlagen und drücke erneut die Taste auf dem CD-Player, die dafür sorgt, dass es wieder von vorne los geht. Eine halbe Sekunde vergeht und das Schlagzeug setzt ein, bis Ben Gibbard beginnt uns davon zu erzählen wie schön es ist, wenn alles verbrennt.

Es muss um die 2 Uhr Nachts sein, denn die Autobahn ist vollkommen leer. Artur sitzt hinten und schläft. Wir sitzen vorne und reden nicht. Ich frage mich, ob man als Außenstehender jetzt sehen könnte, wie glücklich wir sind. Dreckig, müde und zerzaust in einem mit Gitarren, Amps und Schlagzeugteilen völlig überfüllten Polo, der zum Entsetzen von Aarons Mutter nur einen einzigen Airbag hat.

Der Gig war in einem großen Zelt beim Rover Camp. Es ist Spätsommer 2008. Weil es den ganzen Tag über geregnet hat ist alles voller Dreck und Matsch. Auf der Bühne ist die Ausrutschgefahr genauso hoch wie davor. Der ganze Auftritt läuft super, bis mir beim letzten Song – Hangover Boy – die tiefe E-Saite reisst. Ich nehme Andis Ersatzgitarre und gleich beim ersten Anschlag reisst mir auch hier die selbe Saite. Weil mir die Ersatzgitarren damit auch schon ausgegangen sind, leg ich sie wieder auf Seite und lasse die andern drei wissen, dass wir den Song heute mal nur mit einer Gitarre spielen müssen. Ich versuche meine Gitarrenspur zu singen und bin nachher ziemlich überzeugt davon, dass sich das auch ziemlich gut angehört hat, bis mich Aaron fragt, was mich denn da geritten hätte…

Wir machen die Bühne frei für die letzte Band des Abends, irgendeine Party-Cover-Band. Als wir uns nach dem Umbau im Publikum tummeln, finden wir schnell heraus, dass die Pfadfinder hier grade ziemlich betrunken und große Fans der Seven Nation Army Bassline sind. Also stimmen wir sie nach jedem Song an und sehen dabei zu, wie sich die Coverband jedes Mal irgendwie genötigt sieht, den Song zu spielen. Sie haben ihn aber nicht im Repertoire und ihr Basser kennt den Song anscheinend nicht, was uns natürlich noch größere Freude bereitet.

Als sie fertig sind bauen wir ab und bleiben noch eine Weile, bis wir schließlich die Sachen ins Auto laden und – bis auf Andi, der noch über Nacht im Camp bleibt – uns auf den Heimweg begeben. „Grapevine Fires“ ist der erste Song der läuft und weil es uns so gut geht und wir nicht wollen, dass das alles vorbei geht, ist er auch der einzige Song der läuft. Immer und immer wieder hören wir, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir alle verbrennen. Und zum Schluss dann doch die Hoffnung, die uns sagt:

“And the firemen worked in double shifts
With prayers for rain on their lips
And they knew it was only a matter of time”

Death Cab for Cutie – Grapevine Fires

Samstag, 5. Dezember 2009

I Had a Dream of My Band



Wir sitzen bei meinen Eltern. Liesa und ich. Und füllen irgendwelche Fragebögen aus. Wie damals in der Fahrschule. Eigentlich nichts, was Spaß macht, aber irgendwie doch. Man ist froh, wenn man alles richtig hat. Ob ich alles richtig hab, weiß ich nicht mehr.

Meine Eltern wohnen anscheinend in Köln. Denn wir fahren mit der Straßenbahn nach Hause. Linie 12 oder 13. Es ist schon dunkel. Wir kommen an irgendeinem Café an, wo sie mir Freunde vorstellen will. Als ich die sehe, wundert es mich, dass ich noch nie von ihnen gehört habe. Sie tragen dicke Baggy-Pants und ihre Caps sitzen schief. Liesa begrüßen sie mit diesem Gefängnisgruß; Faust gegen Faust. Gibt es dafür einen Fachausdruck? Im Moment ist mir das egal. Ich will ihnen auch die Faust geben. Sagt man das so? Sie geben mir die Hand. Es folgt irgendein irrelevanter Smalltalk.

Aus dem Augenwinkel sehe ich Paul, der am andern Ende des Raumes gerade Getränke bestellt und freue mich, dass mein Bassist auch hier ist. Mit den drei gefüllten Kölschgläsern, die er geholt hat, geht er vor die Tür. Eins gibt er Alessandro. Gibt’s ja nicht. Der Keyboarder ist auch hier.

Sie sehen mich durchs Fenster. Ich winke. Sie schauen erst mich an und tauschen dann hektische Blicke aus, rufen irgendwas mit „Scheiße“ und laufen davon. Ich bin nicht verwirrt oder so. Ich weiß sofort Bescheid. Ich brülle ihnen hinterher, dass ich kein Bock mehr habe. Jetzt rufe ich irgendwas mit „Scheiße“. Und dann, dass ich kein Bock mehr auf diese Band habe. Sowas linkes und verlogenes. Paul ruft, das wär ihm egal. „Mach doch!“

Ich will noch mehr rufen, doch Liesa hat meine Hand genommen und wir rennen weg. Das Café ist schon weit hinter uns, als ich durch die Augen in meinem Hinterkopf auch Sascha sehe. Paul gibt ihm sein Bier und erzählt ihm, was passiert ist. Sascha findet das nicht so lustig und schaut uns hinterher. Dann sagt er irgendwas zu den andern beiden – wahrscheinlich irgendwas mit „Scheiße“ – und sie fangen an zu rennen. Sie verfolgen uns durch die Dunkelheit.

Wir laufen lange und wir laufen weit. Irgendwann kommen wir an ein paar Mehrfamilienhäusern vorbei. Wir biegen links ab, dann rechts und verstecken uns hinter einer Garage. Ich sage ihr, dass sie die beste ist, denn sie kennt die besten Verstecke.

Eine alte Frau fährt auf einem Kettcar an uns vorbei. Vielleicht auch ein Go-Cart. Aber ohne Motor.

Als es schließlich ruhig geworden ist, schaue ich hinter dem Garagenblock hervor und gehe auf die Straße. Jetzt ist es noch ruhiger als zuvor. Man hört noch nicht einmal den Wind. Nur die Dunkelheit.

Am anderen Ende der Straße steht Paul im Schein einer Straßenlampe. Als er mich sieht, rennt er auf mich zu. Ich fange wieder an, davonzulaufen, doch irgendwie ist er schneller und reißt mich zu Boden. Er brüllt irgendwas von wegen, dass ich mich ja aus dem Staub machen würde. Jetzt wo es mit der Band ja losgehen würde, da würde ich kneifen.

Ich schreie in sein Gesicht, dass mir die Band nicht so wichtig ist. Wichtiger ist, dass man dort Freunde hat, die einen nicht verarschen. Er will antworten, doch ich verpasse ihm einen Schlag in die Magengrube. Er geht zu Boden und weint. Sascha und Alessandro sind nirgends zu sehen. Liesa ist auch weg.

Als ich aufwache und feststelle, dass sie neben mir liegt, überlege ich kurz, sie zu wecken. Dann fällt mir ein, dass ich sie schon beim letzten Traum geweckt habe. Das war irgendwas mit Möpsen und Nudeln. Aber nichts Schweinisches.

Dienstag, 17. November 2009

The Hardest Gang of Cologne



Ich renne. Bereits seit 10 Minuten laufe ich so schnell ich kann, doch sie sind noch immer hinter mir. Langsam merke ich, dass meine Ernährung der letzten Wochen, die hauptsächlich aus Tiefkühlpizza und China-Nudeln bestand, einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat: Meine Kondition lässt nach und ich bekomme Seitenstechen. Lange halte ich das nicht mehr durch. Jeder Kölner kennt den Ruf des Stadtteils Ossendorf. Doch was will man machen, wenn die letzte Bahn, die fährt, die Richtung Ossendorf ist und die Endstation nur ein paar Kilometer von Zuhause entfernt ist.

Jetzt bereue ich meine Entscheidung. Mein Atem, den ich bei der Eiseskälte sehen kann und wie einen grauen Schweif hinter mir her ziehe, wird immer schwerer. Meine Beine machen auch nicht mehr lange mit. Und grade als ich um die Ecke biege und mein Haus bereits in Sichtweite ist, passiert es: Ich werde von etwas hartem am Hinterkopf getroffen, gehe zu Boden und schreie auf.

Durch die Dunkelheit höre ich ein schrilles Lachen. Dann ein Husten. Ein Räuspern. Und schließlich wieder ein Lachen, aber diesmal etwas weniger schrill als beim ersten Mal. Der Kloß im Hals war ihm scheinbar unangenehm. Jetzt ist es still.

Ich liege im Lichtkegel der einzigen funktionierenden Straßenlaterne vor meinem Haus und richte mich auf. Ein paar Meter vor mir sehe ich den Gegenstand mit dem ich getroffen wurde. Es sieht aus wie ein… Keks. Und er dampft noch.

Jetzt tritt jemand in den Lichtkegel. Ich sehe zuerst nur die Schuhe und seine Hose, als er sich nach dem Keks bückt, ihn aufhebt und dann ein leises Schmatzen von sich hören lässt.

„Hmm, Siggi. Die sind mal wieder richtig gut. Sie als Munition zu benutzen ist doch wirklich zu schade.“

Er bewegt sich weiter auf mich zu. Und rückt sich dabei seine Hose zurecht. Sie sitzt über seinem Bauchnabel, was ich normalerweise sicher belustigend gefunden hätte. Ich schätze die Situation aber gerade als zu unpassend ein, um mich darüber lustig zu machen.

„Anneliese schickt uns.“

Er kommt noch näher, zieht an seiner Zigarette und haucht mir ins Gesicht. Er riecht nach Marihuana. Der Rauch treibt mir die Tränen in die Augen. Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich wieder klar sehen kann. Und als ich es kann… bin ich überrascht. Aber leider nicht weniger beängstigt.

„Oh mein Gott. Sie sind ja. Sie sind ja alt. Richtig alt. Sie könnten mein Vater sein. Wie konnten Sie so schnell…“

Sein schrilles Lachen unterbricht mich. Dann fängt er wieder an zu husten. Schließlich ein kurzes Räuspern.

„Ich bin so alt, dass ich deinem Papa wahrscheinlich auch schon in den Arsch getreten hab.“
„Was wollen Sie?“
„Was denkst du denn? Glaubst du etwa, du kommst ungestraft davon, wenn du einem von uns in der Bahn keinen Platz anbietest!?“
„Aber ich…“
„KEIN ABER!“

Er spuckt mir Kekskrümel ins Gesicht.

„Lass dich hier nie wieder blicken Junge!“

Jetzt tritt der Zweite in den Lichtkegel. Er stützt sich lässig auf seinen Rolator, an dem ein paar geklaute Mercedes-Sterne und ein Fuchsschwanz baumeln.

„Komm Hartmut, der Junge hat seine Lektion gelernt. Lass uns lieber verschwinden, bevor die Bullen kommen.“

Hartmut hat seine Augen noch immer starr auf mich gerichtet, als ich mir die Krümel von der Wange wische. Er zischt mich an: „Ich hoffe, du hast deine Lektion gelernt, Bursche. Denn beim nächsten Mal sind wir nicht so gnädig.“

Dann dreht er sich um und setzt sich auf den Rolator seines Begleiters, der sogleich den Motor startet. Mit aufheulendem Motorengeräusch machen sie sich aus dem Staub. Geschockt bleibe ich noch eine Weile auf der Straße sitzen, bis ich schließlich reingehe und eine heiße Dusche nehme. Ich beschließe, dass es wohl besser ist, mit dieser Geschichte nicht zur Polizei zu gehen.

Obwohl die Typen echt gemeingefährlich waren. Aber der Rolator war schon geil.

Sonntag, 25. Oktober 2009

I Never Read The Bible



Als wir das Mehrfamilienhaus an der Aachener Straße durch die große Holztür verlassen, ist es draußen bereits dunkel geworden. Wenn man um drei Uhr nachmittags mit der Probe beginnt und sich der Proberaum gefühlte 100 m unter der Erde befindet, dann bekommt man absolut gar nichts von der Außenwelt mit. Es sei denn Frau Bräuer, die achtzigjährige Hausmeisterin des Hauses, stattet uns einen Besuch ab und beschwert sich entweder über uns („Von da oben hört sich das an, als seien hier 1000 Russen im Keller“) oder über ihr Leben („Seit 50 Jahren kümmer ich mich jetzt um dieses Haus, und jetzt will die Stadt uns hier raus…“).

Inzwischen ist es halb 8 und wir stehen zwischen den zwei Matratzenläden und planen die nächste Probe, als wir plötzlich durch ein lautes Scheppern aus unserer Unterhaltung gerissen werden. Ein paar Meter weiter ist ein Fahrrad umgefallen. Als wir sehen, dass daneben ein alter, grauhaariger Typ sitzt und die rote Suppe auf den Asphalt tropft, laufen wir zum Ort des Geschehens, um ihm wieder aufzuhelfen.

„Herrgott Vater im Himmel, so eine Scheiße“, murmelt er, als wir ihn fragen, ob er verletzt ist.

Als er wieder auf eigenen Beinen steht, schaut er uns eine Weile an, bis er auf sein Fahrrad zuschwankt und beim Versuch, es wieder aufzustellen, beinahe wieder hinfällt.

„Na herrlich, der hat ordentlich einen im Tee…“

Ich frage ihn erneut ob er verletzt ist und weise ihn auf die rote Lache am Boden hin. Er schaut zu Boden, dann zu mir, dann wieder zum Boden, schließlich wieder zu mir und sagt:

„Na toll, jetzt ist auch noch mein Mineralwasser kaputt gegangen.“

Er zeigt auf den Stumpf einer Rotweinflasche, der noch immer in seinem Fahrradkorb steht. Ein wenig Wein tropft noch immer auf den Boden. Er spricht so leise als würde er Selbstgespräche führen: „Das ist mein Vater schuld. Der will doch nur nicht, dass ich mich hier auf der Straße rumtreibe, der alte Sack.“

Als wir ihn alle recht zeitgleich darauf hinweisen, dass das was da aus seinem Fahrradkorb tropft, eher nach einer guten Flasche Primitivo als nach Evian aussieht, schaut er uns erneut für eine kurze Weile schweigend an, bis er schließlich lauthals zu lachen beginnt.

„Ihr Menschen seid echt mies. Da stirbt man für euch am Kreuz, heilt eure scheiß Wunden, verwandelt euer Wasser in Wein und ist damit der Held eurer WG-Parties und zum Dank erkennt ihr einen nicht mal, wenn man euch auf Straße begegnet.“

„Soso, sind Sie jetzt der Sohn Gottes oder was?“

Meine Frage ermutigt den bärtigen Typen zu umso lauterem Gelächter.

„Macht es gut The Paper Queens. Viel Erfolg mit eurer neuen CD. One Great City ist echt n cooler Song. Ich mag Köln, wisst ihr? Mein Vater regt sich ja immer über die ganzen Schwulen und Lesben hier auf, aber ich finds herrlich!“

Wir bleiben mit offenen Mündern stehen, als Jesus sein Fahrrad nimmt und die Aachener Straße weiter runter fährt. Erst als er aus unserem Sichtfeld verschwunden ist, fällt mir ein, dass ich ihn gerne gefragt hätte, wie dieser Wasser-zu-Wein-Trick funktioniert…

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Getting My Hair Done



Mein letzter Friseurbesuch ist bereits ein halbes Jahr her. Als ich beschließe, dass es mal wieder Zeit dafür ist, weiß genau, wo ich mit dieser Tolle hingehen sollte. Zumindest denke ich, das zu wissen. Ich versuche, mich zu erinnern…

Beim letzten Mal stand ein Vorstellungsgespräch in der Berrenrather Straße an und ich bin zwei Tage vorher hingefahren, um sicherzugehen, dass ich das Büro beim Termin selbst auch finde und nicht zu spät komme.

Ich fahre also mit der Linie 18 bis zur Arnulfstraße und finde auch die Agentur ziemlich schnell. Weil ich nichts zu tun habe, schau ich mir auch die Gegend ein bisschen an. Ich bleibe an einem Spielwarenladen stehen und beobachte meine Reflexion im Schaufenster – die macht immer das gleiche wie ich! - , als mir auffällt, dass ich vor dem Vorstellungsgespräch doch mal zum Friseur gehen sollte. Da es mir nicht reicht, dass mein Spiegelbild stolz auf mich ist, ruf ich auch gleich meine Mutti an und berichte ihr, dass ihr Sohn – und zwar der, den sie noch ein halbes Jahr zuvor immer wieder daran erinnern musste, zwei gleichfarbige Socken anzuziehen – gerade in diesem Moment vernünftig und erwachsen geworden ist. Sie freut sich.

Ich gehe die Berrenrather Straße entlang, bis sie sich mit dem Gürtel kreuzt, um dann am Gürtel weiter Richtung Ehrenfeld zu gehen. Die Salons, an denen ich vorbeikomme, sind mir entweder zu teuer oder zu altmodisch. Bei einem bin ich mir nicht sicher, ob es sich wirklich um einen Friseursalon oder doch eher um einen Schwulenclub handelt.

Als ich kurz davor bin, aufzugeben und in einen dieser Super 10 Hair Company Laden zu gehen – Friseurketten a la McDonalds? Wer denkt sich denn sowas aus?! – komme ich an einem Schaufenster vorbei, aus dem mich ein kleiner Vierbeiner anschaut. Ich bleibe stehen. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass es sich nicht um eine Tierhandlung, sondern um einen Friseur handelt.

Ich gehe rein und werde nicht nur vom glatzköpfigen Friseur freundlich begrüßt, auch der Mops aus dem Schaufenster kann seinen Blick anscheinend nur schwer von mir abwenden. Mir wird gesagt, dass ich keinen Termin brauche, nur eine Nummer ziehen muss und dann in einer halben Stunde dran bin. Ich setze mich hin und will schon fast bereuen, dass ich mir kein Buch mitgenommen habe und mich jetzt wieder mit der Bild der Frau oder der Gala rumschlagen muss, als mein Blick auf den Zeitschriftenständer fällt…

Und so kommt es, dass mir die Wartezeit beim Friseur zum ersten Mal in meinem Leben nicht wie eine Ewigkeit vorkommt, ich mit einem süßen kleinen Mops auf meinem Schoß den Playboy lese und darauf warte, dass mir die Tolle geschnitten wird.

Der Haarschnitt selbst war nichts Besonderes und den Job hab ich auch nicht bekommen – ist aber bestimmt nicht die Frisur dran schuld. Trotzdem, ein knappes halbes Jahr später gibt es für mich keine andere Wahl, als diesen Friseursalon. Ich fahre also erneut zur Arnulfstraße, steige aus und versuche, mich an den Weg zu erinnern…

…

…

…

Als ich nach zwei Stunden an der Haltestelle Zülpicher Straße/Gürtel herauskomme, gebe ich die Suche auf und fahre heimwärts, um irgendwo in Ehrenfeld zum erstbesten Friseur zu gehen. Ich hab das Gefühl, ganz Sülz drei Mal durchlaufen zu haben, ohne mich dem Mops-Salon auch nur ein paar Meter zu nähern. Kurzzeitig überlege ich sogar, nach Hause zu fahren und mir eine Glatze zu rasieren. Aber da hätte ja jetzt keiner was von.

In Ehrenfeld ist der erste Friseursalon an dem ich vorbei komme ein mit Neon-Buchstaben verzierter türkischer „Herren und Damensalon“. Neon? Warum nicht! Ich geh rein.

Drinnen wird scheinbar ausschließlich türkisch gesprochen. Ich werde ein wenig schief angeschaut, als ich hereinkomme. Ich setz mich trotzdem. Die Zeitschriften im Ständer entsprechen weder dem Playboy noch der Gala. Um ehrlich zu sein, weiß ich noch nicht einmal, welchen Zeitschriften sie entsprechen, weil sie alle türkisch sind.

Als ich nach einer Weile dran komme, muss ich den Friseur zuerst einmal davon überzeugen, dass mir ein Vokohila nicht stehen würde und dass ich die Haare oben lieber ein wenig länger hab. An den Seiten und hinten bitte kurz. Und nicht umgekehrt. Irgendwie lässt er sich dann aber doch überzeugen und fängt an.

Nach nur 10 Minuten ist er fertig und fragt mich, ob ich mit dem Ergebnis zufrieden bin. Ich schaue in den Spiegel und bin wirklich mehr als zufrieden. Ich will ihm mein Lob aussprechen, woraufhin er mir noch einmal zu verstehen gibt, dass mir ein Vokohila doch wirklich besser stehen würde.

Als ich aufstehen will, hält er mich an der Schulter fest und drückt mich wieder in den Sitz. Ich bin verwirrt.

„Äh, ich dachte Sie sind fertig.“
„Nein. Sitzen bleiben“

Seine Antwort ist kurz und eindeutig. Er hat seine linke Hand noch auf meiner Schulter, mit der rechten greift er ins Regal und holt ein Rasiermesser heraus. Ein mulmiges Gefühl steigt in mir hoch, als er laut auflacht und den Glanz der Klinge im Spiegel betrachtet.

Dann hebt er das Messer… und rasiert mir ganz vorsichtig die letzten Nackenhaare weg.

„Jetzt ist fertig.“

Er pinselt mich ab und nimmt die Bezahlung entgegen, woraufhin ich meine Jacke schnappe und mich verabschiede.

Ich bin gerade raus, als mein Telefon klingelt:

„Hey. Du weißt doch noch, wie du mir von diesem Friseur in Sülz vorgeschwärmt hast. Jetzt rate mal, wer gerade einen 1A Haarschnitt bekommen hat und sich vorher noch ein paar Möpse angeschaut hat.“

Ich überlege, welche Möpse er meint und erwider dann:

„Merk dir auf jeden Fall wo der Salon ist, ich hab ihn nicht gefunden.“
„Kein Problem, ich steh noch direkt davor.“

Eine Woche später will er mir zeigen, wo der Friseur ist… nach einem erneuten Stundenmarsch durch Köln Sülz geben wir auf. Wir finden ihn nicht.

Freitag, 25. September 2009

Are You Retarded?



Nach der letzten Bandprobe bevor es wieder ins Studio geht, stehe ich am Hans-Böckler-Platz und warte auf die Linie 3. Normalerweise reicht die 4 ja, um bis zur Wolffsohnstraße und so zu mir nach Hause zu kommen. Aber nach 20 Uhr – so denkt sich die Stadt Köln – braucht ja niemand mehr mit der 4 bis zur Wolffsohnstraße zu fahren. Danke Stadt Köln.

Und wie es dann eigentlich immer so ist, komme ich am Hans-Böckler-Platz an und es kommt zuerst die 4. Die böse 4 nach 20 Uhr. Nach einer knappen Viertel Stunde kommt dann die 3 – die gute 3, die mich bis vor die Haustür bringt – und ich steige ein.

Die Bahn ist leer, bis auf ein knutschendes Pärchen und einen schlafenden jungen Türken. Ich setze mich, stell meine Gitarre und meine Tasche vor mir ab, krame meinen Kopfhörer raus und lausche den Decemberists auf Hazards of Love, während ich aus dem Fenster in die Dunkelheit schaue.

Nach einer Weile lasse ich meinen Blick durch die Bahn schweifen. Das Pärchen ist inzwischen ausgestiegen, was mir die restliche Bahnfahrt definitiv verschönert. Stattdessen steht jetzt eine alte Frau vor mir, die – oh, sie redet mit mir. Kopfhörer runter.

„Wie bitte?“
„Sie wissen, dass das hier ein Behindertenplatz ist, oder?“

Na wenn mir so eine heute mal nicht noch gefehlt hat.

„Oh, ja ich sitze hier nur wegen den vielen Taschen und… aber kein Problem, Sie können gerne hier sitzen.“
„Ja bitte, ich kann Ihnen auch gerne meinen Behindertenausweis zeigen.“
„Äh nein, nicht nötig. Ich glaub Ihnen das wohl.“ Dass sie behindert sind.

Ich bin gerade dabei aufzustehen – denn ich bin ja ein herzensguter Mensch – da höre ich sie ein dezentes „die Jugend von heute…“ vor sich her nuscheln. Weil ich zu müde bin, um mich jetzt noch mit einer Oma anzulegen, tue ich so, als hätte ich sie nicht verstanden, nehme ich meine Gitarre und die Tasche und stelle mich an den Fahrradplatz. Es sind ja schließlich nur noch zwei Stationen.

Ich habe den Vorfall schon fast vergessen und will mich wieder den Decemberists widmen, als ich sehe, dass sie in ihrer Handtasche kramt, um mir anschließend ihren Behindertenausweis vor die Nase zu halten.

Ich bin ja ein herzensguter Mensch. Wie gesagt. Aber jetzt ist mir irgendwie nicht mehr danach, freundlich zu sein.

„Das ist jetzt nicht ihr Ernst, oder? Sie sind doch nicht sprachbehindert, oder? Wenn Sie auf dem Platz sitzen wollen – obwohl ja die ganze Bahn frei ist und sie, so wie ich das sehe, keine Rollstuhlfahrerin sind und nicht auf Krücken angewiesen sind – dann sagen Sie das doch einfach.“

Jetzt sagt sie nichts mehr. Als ich aussteige hört sie mich noch ein dezentes „Alte Schachtel“ vor mich hernuscheln. Sie tut so, als hätte sie mich nicht verstanden.

Auf dem Heimweg geht der junge Türke aus der Bahn neben mir.

„Ey, was hatte die denn für ein Problem?!“

Ich erklärs ihm.

„Ach mach dir nichts draus. Ich kenn die. Die ist immer so behindert.“

Dienstag, 15. September 2009

I Don't Need A Doctor...



„Herr Schmitz bitte? Herr Schmitz!?”

“Ich muss auflegen, ich bin jetzt dran… was?... ja, wie auch immer… machs gut.“

Die Praxishelferin schaut mich ein wenig misstrauisch an bevor sie mir den Raum zeigt, in dem ich warten soll. An der Wand hängt eine große Leinwand mit einem schönen alten grünen Caddilac. Bevor ich den Rest des Beratungszimmers in Ruhe betrachten kann, kommt der Arzt ins Besprechungszimmer.

„Herr Schmitz, nehme ich an?“
„Ja richtig, Doktor Meisner?“

Er sieht mich einen Moment schweigend an. Schließlich fragt er:
„Woher wissen Sie das?“

Ich bin verwirrt.

„Äh, von Ihrem Türschild? Und von meinem Hausarzt, der mich an Sie verwiesen hat?!“

Er schweigt noch eine Weile. „Ja richtig. Ich bin Doktor Meisner.“

Schweigen. So langsam frage ich mich, ob ich hier wirklich richtig bin.

„Was fehlt Ihnen denn, Herr Schmitz?“

„Naja, eigentlich nichts, ich muss nur meine Haut mal untersuchen lassen. Muttermale und so… Sie wissen schon. Das übliche halt.“

„Verstehe, dann machen Sie sich doch bitte frei…“

Ich habe gerade meinen Pullover ausgezogen, da fängt Doktor Meisner an wie ein kleines Mädchen zu kichern. Er weist mich auf die Schweißränder an meinem Shirt hin und fragt, ob ich nervös sei.

Ich überlege, ob ich mal wieder meine unglaublich überzeugenden Schauspielkünste auspacken soll (1. Ich bin mit dem Rad hierher gefahren, 2. Banküberfall, 3. Ihre Klimaanlage im Warteraum funktioniert nicht, sie Arsch…), als mir einfällt, dass Doktor Meisner ein sehr gebildeter Mann sein muss. Schließlich hat er Medizin studiert. Ich entscheide mich für die Wahrheit:

„Ich hab gerade mit meiner Ex telefoniert.“
„Oh, verstehe. Wie lange ist Schluss?“
„2 Wochen.“
„Wer hat’s beendet?“
„Beide.“

Er betrachtet mich kurz. „Ihren Schweißrändern entnehme ich, dass da noch immer Gefühle im Raum sind.“ Pause. „Und Ihrem Schweigen entnehme ich, dass ich recht habe.“

Wow. Der ist echt gut. Ich frage mich wieder, ob ich hier richtig bin, oder ob Doktor Meisner nicht in Wirklichkeit Psychologe ist. Er fragt mich, ob ich glaube, dass noch einmal was draus wird.

„Naja, sie hat ziemlich tiefe Wunden bei mir hinterlassen...“

„Nicht so tief, wie die Wunden, die ich hinterlasse, wenn ich mit den Leberflecken auf Ihrem Rücken fertig bin, hahaha!“

Der Mediziner fängt lauthals an zu lachen, dann muss er husten und sich räuspern, um wieder ernst zu werden. Er gibt mir zu verstehen, dass ich mich weiter ausziehen soll. Als ich schließlich nackt vor ihm stehe, verschwindet das Lächeln auf seinem Gesicht wieder.

„Aber mal im Ernst, Wunden sind zum Heilen da. Und ich weiß wovon ich rede. Ich bin schließlich Arzt.“

Während er so erzählt, dreht er mich ein paar mal im Kreis und nimmt mich dabei unter die Lupe. Weil mir die Sache irgendwie unangenehm ist, lasse ich ihn weiter erzählen.

„Frauen sind so eine Sache für sich. Immer wenn man denkt, dass man sie verstanden hat, beweisen Sie Ihnen das Gegenteil.“

Als er schließlich fertig ist, ziehe ich mich wieder an und frage Ihn, was zu tun sei.

„Naja, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bin ja schließlich kein Psychologe, sondern Dermatologe.“ Er lacht.

Und zum ersten mal bin ich mir sicher, dass ich hier doch richtig bin.

„Aber wenn sie mich fragen, sollten sie versuchen, was zu versuchen ist. Wissen sie, die Frage ist nicht, ob wir an die wahre Liebe glauben, sondern ob sie an uns glaubt...“

Bevor er weiter ins Philosophische abdriftet, unterbreche ich ihn. „Doktor Meisner. Ich meinte nicht, was wegen ihr zu tun sei, sondern wegen mir. Die Muttermale? Operieren?“

„Äh, ach ja. Fünf davon sehen nicht gut aus. Die müssen ganz schnell weg. Lassen Sie sich vorne einen Termin geben.“

Ich ziehe meine Socken und Schuhe wieder an und bedanke mich bei ihm für seine Beratung für Kopf und Körper. Ich überlege kurz, ob ich ihm sagen sollte, dass er auch einen guten Psychologen abgegeben hätte. Aber ich weiß ja nicht, ob das nicht vielleicht immer schon sein Traum war, und er es einfach nie gepackt hat und deswegen Hautarzt geworden ist. Aber immerhin ist er Spezialist für Geschlechtskrankheiten. Doch ich weiß nicht, ob es ihn trösten würde, ihm das noch mal vor Augen zu halten.

Ich mache den ersten möglichen Termin – Mitte Dezember – und verlasse die Praxis.

Sonntag, 6. September 2009

A Book Judged By Its Cover



Ich sitze im Zug von Soest nach Hamm und ärgere mich, dass ich mir nichts zu lesen mitgenommen habe, als ich von meinem Gegenüber hektisch aus meinen Gedanken gerissen werde. Seine Nase blutet sehr stark und er fragt nach einem Taschentuch. Ich krame in meiner Tasche und finde zwischen Ipod, Handy, Haustürschlüssel und dem neuen Ikea-Katalog schließlich meine letzten, bereits angebrochenen Taschentücher.

„Die kannste behalten…“

Er nimmt die Packung, dann seinen Koffer, bedankt sich leise und verschwindet.

Ich sehe, dass auf seinem Platz noch ein Buch liegt, nehme es und gehe im nach. Als ich ihm hinterherrufe, er habe seine Lektüre vergessen, beschleunigt er seinen Schritt. Er dreht sich um und sieht mich mit dem Buch in der Hand. Jetzt fängt er an zu rennen. Der Zug kommt zum stehen, die Türen öffnen sich und er springt nach draußen.

„Viel Glück mein Freund!“, schreit er noch zu mir herein, bis er schließlich die Treppen des Bahnhofs hinunterläuft und verschwindet.

Komischer Typ.

Ohne großartig zu überlegen, stecke ich das Buch in meine Tasche und steige in Hamm aus, um auf den nächsten Zug nach Köln zu warten.

Ich muss erst wieder daran denken, als ich im RE7 sitze. Die hübsche Blondine mit dem Nasenring, die mir gegenüber sitzt, scheint sich nicht für mich zu interessieren, also starre ich gelangweilt aus dem Fenster, bis mir schließlich das Buch wieder einfällt. Ich hole es aus meiner Tasche und höre, wie die Blondine anfängt zu kichern. Ich versuche zu lächeln.

Ja, belesene Typen schinden schnell Eindruck bei jungen Frauen.

Das ist zumindest der erste Gedanke, den ich habe. Erst als ich meine Augen von ihr abwende, um mich wieder dem Buch zu widmen, sehe ich den wahren Grund für ihr Kichern. Die Rückseite des Buchs zeigt auf halber Seite ein Foto der schwedischen Autorin Kerstin Thorvall. Mit Hornbrille und Pottschnitt grinst sie dem vermeintlichen Leser entgegen. Darunter steht eine kurze Zusammenfassung und der Verlag: „Neue Frau“.

Klasse. Soviel zum Thema Eindruck schinden…

Weil ich aber weiter den kultivierten jungen Typen geben möchte, versuche ich mir nichts anmerken zu lassen (was ziemlich schwierig ist, da mir die Sache sehr peinlich ist und ich merke, dass ich ziemlich rot werde), schlage das Buch irgendwo in der Mitte auf und tu so, als würde ich weiterlesen:

„Der Strand auf der kleinen Insel war ein Nacktbadestrand. Sie hatte sich abgewandt. Ich sah, wie Gittan und sie sich auszogen. Plötzlich viel mir ein, dass es lange her war, dass ich sie ohne Kleider gesehen hatte. Ich wollte nicht, dass sie sich je umdrehte. Und doch wollte ich es. Voller Entsetzen und Lust erhob sich mein in den Körper integriertes, aber doch selbstständiges Organ, als…“

Ich bin auf eine seltsame Weise sofort von diesem Buch gepackt, als plötzlich Blut auf die Seite tropft und mich von der Lektüre ablenkt. Meine Nase blutet. Ich suche verzweifelt nach Taschentüchern, bis mir wieder einfällt, wo meine letzte Packung abgeblieben ist.

Das Mädchen von gegenüber hat meine missliche Lage bereits erkannt und bietet mir ihre letzten Taschentücher an. Ich nehme die Packung, dann meine Tasche, bedanke mich leise und siehe zu, dass ich aus diesem Zug komme. Ich höre sie noch hinter mir herrufen, dass ich mein Buch vergessen hätte, als ich aus der Bahn in die Freiheit springe.


P.S.: Sollte jemals jemand den Roman „Die Verschwundene“ von Kerstin Thorvall in der Bahn liegen sehen, lasst die Finger davon. Oder versichert euch wenigstens vorher, dass ihr eine Packung Taschentücher dabei habt. Ich bin ja nicht abergläubisch oder so, aber dieses Buch ist verflucht!

Mittwoch, 26. August 2009

The Psychological Tiger



„Ich werde also wiedergeboren?“
„Yes.“
„Als Tier!?“
„Yeah.“
„Schwere Frage…“

Ich gönne mir noch einen Schluck von meinem Bier, denke nach und mache noch einen Abschlag. Ein paar Sekunden später hört man in unmittelbarer Ferne Glas zerspringen.

Immer wenn Tiger Woods in der Stadt ist, komme ich mit ihm hier rauf. Großstadtgolf sollte zur olympischen Disziplin erklärt werden. Ich frage mich, ob unsere Hausmeisterin uns auch aufs Dach gelassen hätte, wenn wir ihr gesagt hätten, dass wir nicht wirklich Fotos vom Dom bei Nacht schießen wollen, sondern eher auf den Dom bei Nacht schießen wollen.
Ich nehme den letzten Schluck und hole weit aus:

„Im Grunde genommen gibt’s nur zwei gute Möglichkeiten: Entweder du wirst als Löwe wiedergeboren. Dann bist du sowieso der König aller Tiere, chillst in der Savanne rum und wenn du ab und zu mal Hunger hast, dann krallst du dir mal eben ne Gazelle oder n Zebra oder so was…“

„Okay, that makes sense, what is die other Möglichkeit?“, entgegnet er mit seinem charmanten, amerikanischen Akzent.

„…Naja, oder du wirst als Laborratte wiedergeboren.“

Tiger Woods verschluckt sich an seinem Bier und schaut mich fragend an. Ich grinse.

„Überleg‘ doch mal: Entweder du bist so ne Standard-Laborratte, dann wird irgendwas an dir getestet, funktioniert aber nicht und du stirbst daran. Dann kannst du ja immer noch im darauf folgenden Leben der König der Savanne werden. Oder aber an dir wird was getestet, das tatsächlich funktioniert… ein Mittel, das dir Flügel wachsen lässt oder so. Dann bist du die erste Ratte mit Flügeln und wirst zur absoluten Berühmtheit.“

Tiger Woods muss lachen, dann mache ich ihm Platz und übergebe ihm den Schläger.

„Like Dolly, das Klonschaf?“
„Ja genau, nur eben mit Flügeln, oder zwei Köpfen oder so. Ich mein klar, bist du nicht der König der Savanne, nicht der König der Tiere. Aber du bist was besonderes, was du machst ist einzigartig: Du bist die einzige fliegende Ratte!“

Woods schweigt einen Moment, dann schaut er konzentriert auf den Ball, anschließend wieder in die Ferne, wieder auf den Ball, die Ferne, macht schließlich seinen Abschlag.

Wir lauschen.

Ca. 650 Meter in Schlagrichtung entfernt explodiert ein Auto. Ich schaue beschämt zu Boden und der Champ freut sich über seinen Sieg.

Das ist jetzt das vierzehnte Mal, dass er mich hier besucht. Und ich habe noch nie gegen ihn gewonnen. Irgendwas stimmt mit meiner Technik nicht. Dabei müsste ich doch eigentlich Heimvorteil haben…

Mittwoch, 19. August 2009

A Call for the Madison



Auf dem Weg zum Bahnhof fällt mir eines Tages das Hotel Madison auf. Es liegt zwischen Hansaring und Hauptbahnhof auf der rechten Seite und ist in grellen Farben gestrichen. Aber nicht einfach gestrichen, sonst wär es mir ja warscheinlich garnicht erst aufgefallen: Es zeigt die Skyline von New York und Köln zugleich. Da stehen doch tatsächlich der Dom und das Empire State Building in einer schönen großen Comic Stadt.

Und das beste: Spiderman! In doppelter Lebensgröße. Oder ein Hulk im Spidermankostüm in normaler Lebensgröße. Vielleicht auch King-Kong in halber Lebe... spielt ja auch keine Rolle. Mein erster Gedanke: Hier sollte ich dringend mal eine Nacht verbringen.

Dass ich ja nur ein paar Minuten weit entfernt wohne, vergesse ich anscheinend sofort. Ich bin begeistert und frage mich, ob wohl im Innern des Hotels noch mehr Comichelden auf mich warten.

Bei meinem nächsten Vorbeifahren am Hotel – ich konnte am Vorabend vor Vorfreude kaum schlafen – verfliegt mit einem Mal alle Begeisterung, als ich die Hausfassade genauer betrachte. Erschreckt stelle ich fest, das Spiderman nicht der einzige Held auf dieser bunten Wand ist. Sowohl Batman, als auch Superman sind ebenfalls vertreten. Ich beschließe, mir beim nächsten Mal die Nummer aufzuschreiben und mich zu beschweren. Jedes Kind weiß doch:

Spiderman at New York City
Superman at Metropolis
Batman at Gotham City

Als ich wieder zuhause bin, greife ich zum Telefon und wähle die Nummer des Madisons.

„Madison Hotel Köln, was kann ich für Sie tun?“ Köln? Die können wohl nicht genug Städte haben…

Ich hole erst tief Luft und dann weit aus:

„Das kann doch nicht ihr Ernst sein, oder? Sie verkaufen Ihren Kunden unrealistische Darbietungen. Sie wollen doch nur, dass ein möglichst großes Klientel angesprochen wird. Je mehr Superhelden, desto besser, was? Aber nene, so nicht. Nicht mit mir.“

Die Rezeptionistin versucht mich zu beruhigen. Ich merke, dass ihr dieser Anruf mehr als unangenehm ist. Sie will mich überreden, bei einer kostenlosen Übernachtung auf eine Verbreitung der offensichtlich sehr gemeinen Verkaufsstrategie zu verzichten – ich falle ihr erbost ins Wort:

„In ihrem Dreckshotel würde ich mir noch nicht mal den Arsch abwischen wollen!“

Nach diesem Satz habe ich zwei Möglichkeiten:

1. Ich entschuldige mich für meine miserablen Umgangsformen, lehne ihr nett gemeintes Angebot der kostenfreien Übernachtung freundlich ab und verabschiede mich mit einem seriösen „Dann wünsche ich ihnen noch einen schönen Feierabend.“

2. Ich schmeiße mein Telefon mit voller Wucht an gegen die Wand, in der Hoffnung, dass die Frau an der Rezeption davon einen sehr sehr lauten Knall oder einen richtig miesen grellen Piepston hört, von dem ihr die Ohren bluten werden.

Letztendlich entscheide ich mich für keins von beidem und komme zur Vernunft: Der Knall wäre nie und nimmer so laut, dass ihre Ohren bluten würden. Und selbst wenn; ich gehe nicht davon aus, dass die vermeintlich nette Dame am Empfang diejenige war, die die Fassade gestrichen hat. Wer hätte denn dann in der Zeit die Anrufe entgegen genommen?

Ich finde einen Kompromiss: Ohne was zu sagen lege ich auf, und schmeiß dann erst das Telefon gegen die Wand. Hoffentlich hören meine Nachbarn das nicht.

Das ganze tu ich nur um meinen Standpunkt klarzustellen: Die kommerzielle Ausbeutung von Superhelden ist eine schlimme Sache. Wir müssen etwas dagegen tun!

Samstag, 15. August 2009

The Itzy Bitzy Spider...



Das erste, das ich sehen kann, als ich aufwache, ist eine riesige Spinne an der Decke des kleinen Kellerraumes, in dem ich übernachte, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin. Einen Moment lang starre ich sie an und ich glaube sie starrt auch zurück, wobei ich mir da nicht sicher bin. Spinnen haben ja bekanntlich sehr viele Augen.

Weil ich nicht weiß, wie ich auf diese ungewöhnliche Begegnung reagieren soll, schließe ich meine Augen wieder und tu so, als würde ich weiterschlafen. Hoffentlich hat sie mich nicht gesehen.

Nach ein paar Minuten merke ich, dass mein schauspielerisches Talent zwar gut genug ist, um den Fahrkartenkontrolleuren bei der DB vorzugaukeln, ich sei Sascha (Udo) Moecker und studiere an der FH Düsseldorf Elektrotechnik (pah, die Idioten, ich hab doch gerkeine Ahnung von Elektronik, das sieht man doch!), nicht aber gut genug, um diesem kleinen achtbeinigen Möchtegerntier vorzuspielen, ich würde tief und fest schlafen.

Ich blinzel an die Decke und schaue nach ob sie noch da ist. Sie sitzt noch immer am selben Platz und scheint wenig interessiert daran zu sein, sich weg zu bewegen.

Ich muss daran denken, dass mir mal jemand erzählt hat, dass man in seinem Leben statistisch gesehen wohl ziemlich viele Insekten verschluckt (die krabbeln in den Mund während man schläft, stimmt das?) und frage die Spinne, ob sie sich meinen Mundraum auch schon von innen angeschaut hat.

Nachdem ich nach einer halben Stunde noch immer keine Antwort erhalte, stehe ich wütend auf und gehe. Ich bin empört über die pure Dreistigkeit. Wie kann man in meinem Zimmer an der Decke kleben und dann noch nicht mal antworten, wenn man eine simple Frage gestellt bekommt.

Einfach nur dreist sowas!

P.S.: Ich entschuldige mich dafür, dass ich die Bilder heute nicht selbst geschossen habe. Das widerspricht ein wenig dem künstlerischen Aspekt dieses Blogs. Zu meiner Verteidigung: Ich war einfach zu empört über diesen Arachnid (ähem), um mich mit ihm ablichten zu lassen. Vielen Dank.

Dienstag, 11. August 2009

Wassereis finishes first



Er wusste noch nicht so recht, was er sagen sollte, wenn er geklingelt hatte. Eine wirklich gute Ausrede hatte er nicht. Ein „Jasmin, hey, ewig nicht gesehen… äh, ficken?“ würde sie wohl kaum überzeugen. In dem Moment, als sich sein Finger von der Klingel löste und die eher untypische Türmelodie noch ein wenig nachhallte – ich glaube es war die Melodie vom A-Team – überlegte er kurz, einfach wieder wegzulaufen. Doch im Grunde wusste er, dass es ihn schon zu viel Überwindung gekostet hatte, hier her zu kommen; er konnte jetzt nicht einfach gehen.

Außerdem wollte er wissen ob die vielen Theorien stimmten. In den letzten Tagen hatte er viel drüber nachgedacht. Von Green Days „Nice Guys finish last“ bis hin zur Naked-Man-Theorie aus „How I met your Mother“. Stimmte das Ganze wirklich? Hatten Arschlöcher tatsächlich mehr Erfolg bei Frauen? Siegt am Ende doch immer die nackte Dreistigkeit?

Sie öffnete die Tür,

„Tom? Was machst du denn hier? Ich hab dich ja ewig nicht gesehen! Wie geht es dir?“
„Naja… meinem Aussehen entsprechend…“
„Ähm, also gut schätze ich?“

Er versuchte ihr Lächeln zu erwidern, als ihm einfiel, dass er heute morgen zwischen leeren Bierdosen aufgewacht war, sich weder die Zähne geputzt noch geduscht hatte und zum Frühstück die letzten Reste hatte, die sein Kühlschrank aufbringen konnte: Zwei Scheiben Salami und ein seit 3 Wochen abgelaufenes Knäckebrot.

„Danke für das Kompliment. Ehrlich gesagt geht es mir beschissen. Meine Freundin hat Schluss gemacht und…“
„Oh mann, nicht im Ernst. Das tut mir Leid. Wenn ich irgendwas für dich tun kann, dann sag mir Bescheid.“

Er schwieg einen Moment.

„Sorry, aber ich glaube, das Einzige, was mir zur Zeit helfen würde, wäre guter Sex oder ein Wassereis…“

Eine halbe Stunde später lagen sie verschwitzt auf ihrem Bett und genossen ihr Wassereis in vollen Zügen.

Samstag, 8. August 2009

The Waterbomb Incident



Der Mann, den ich durch den Türspion meiner Wohnung sehe, sieht wütend aus. Ich weiß, warum er hier ist und suche schon mal nach einer Ausrede. Ich öffne ihm die Tür und er schaut mich an. Er ist ungefähr doppelt so breit wie ich und hielt es anscheinend nicht für nötig, sich für seinen kleinen Besuch ein Shirt anzuziehen. Er ist Mitte 40 und seine rechte Schulter ziert ein großes Tribal-Tattoo. Ich habe ein wenig Angst.

„Morgen.“

Er riecht nach Whiskey und hat eine überaus raue Stimme.

„Guten Morgen.“
„Du weißt warum ich hier bin, oder?“

Ich überlege kurz, ob ich mich dumm und unwissend stellen soll, denke dann aber an meine miserablen schauspielerischen Fähigkeiten und entscheide mich dagegen. Er sieht nicht aus, als wäre mit ihm zu spaßen. Vielleicht hätte ich vor dem Öffnen der Tür meine Brille absetzen sollen. Dafür ist es jetzt auch zu spät.

„Ähm, wegen den Wasserbomben schätze ich?!“

Meine Mitbewohner sind schon seit ein paar Tagen weg und mein Bruder ist erst vor ein paar Minuten wieder gefahren. Als er gestern hier ankam, hielt er es für eine gute Idee, mir Wasserbomben zu schenken. Er und meine Bandkollegen, die ebenfalls zu Besuch waren, hatten aber sichtlich mehr Spaß damit. Und so kam es, dass sich alle nach ein paar gemütlichen Bieren auf dem Balkon versammelten, um von dort aus die Autos zu bewerfen, die unten an der Ampel warteten.

Mein Nachbar fand das anscheinend nicht so knorke…

„Junge, du wohnst hier im 6. Stock. So Wasserbomben können ganz schön an Fahrt gewinnen, wenn man die aus so einer Höhe wirft. Ist dir eigentlich klar, was das für Beulen geben kann? Ich schau gleich nach, ob mein Auto irgendwas abgekriegt hat. Und sollte das der Fall sein, dann hoffe ich für dich, dass du deine Brille abgenommen hast.“

Aha, also doch...

Nach kurzem Überlegen nehme ich die Standardausrede, die auch bei meinen Eltern immer schon funktioniert hat: „Äh, das war ich nicht“ und schiebe noch ein leises „sorry“ hinterher.

Er schaut mich ungläubig an: „Aber du wohnst doch hier, oder?“
„Ja schon, aber ich hatte gestern Besuch. Von meinem kleinen Bruder, wissen sie?“

Damit leite ich eine Serie von Lügen ein, mit der ich Versuche, mich in eine weiße Weste zu zwängen. Ich erzähle ihm, dass mein 10 jähriger Bruder zu Besuch war und die Wasserbomben in einem Anflug von –in dem Alter ja schließlich üblichem- infantilem Leichtsinn vom Balkon geschmissen hat.

„Da war ich aber grad einkaufen.“ Sicher, um halb 11.

„Als ich zurückgekommen bin, hab ich ihm natürlich sofort gesagt, er solle damit aufhören.“ Äh, klar doch.

Auf seine Frage, warum denn dann heute morgen noch Wasserbomben geflogen sind, folgt ein kurzes, aber unangenehmes Schweigen. Ich überlege kurz, ihm einfach die Tür vor die Nase zu knallen.

„Äh, naja, Kinder halt…“ antworte ich und schaue ihn mit dem ehrlichsten aufgesetzten Blick an, den ich gerade aufbringen kann. Er schaut mich noch eine Weile grimmig an und macht die Situation dadurch nicht gerade angenehmer. Ich überlege, ob ich ihm als kleines Freundschaftsangebot ein Bier anbieten soll, erinner mich dann aber an die vielen leeren Flaschen, die noch in der Bude rumstehen und dass die meinem Mein-kleiner-Bruder-war-zu-Besuch-Alibi schaden könnten.

Nach einer Weile streckt er die Hand aus –ich zucke kurz zusammen- und sagt: „Naja, ist ja nichts passiert. Ich bin Harri, wohne schräg unter euch.“ Schräg ist der Typ auf jeden Fall, das stimmt. „Komm doch mal auf n Bier vorbei.“ Damit verabschiedet er sich und verschwindet im Treppenhaus.

Ich schließe die Tür hinter mir und bin wieder mal erstaunt über mein schauspielerisches Talent. Scheint ja doch nicht so schlecht zu sein.